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Wie immer, wenn man länger an einem Ort ist, beginnt man den ortsansässigen Menschen näher zu kommen. Klar, es gibt viele von denen, die kommen, ein paar Tage bleiben und bald wieder weiterfahren, so ist das beim Segeln.

So machen wir das normalerweise auch, das ist Teil des Ganzen. Und auch wenn man denkt, dass man nun eine besonders wertvolle Person getroffen hat, ist der baldige Abschied vorprogrammiert. Dafür tauscht man Kärtchen aus, oft schon sehr früh, wer weiß, wie oft man sich noch sieht im Leben. Und dann trifft man sich plötzlich Monate später an einem völlig anderen Ort wieder. So ging uns das oft mit weiteren ARC Teilnehmern von 2014, die wir dann 2015 und auch 2016 irgendwo im karibisch-nordatlantischen Raum wiedergetroffen haben. 

Und dann gibt es die hier sehr eigenen Liveaboards. Eine Ansammlung von Menschen, die irgendwas im Leben auf das Schiff getrieben hat, welches aber nicht zur Fortbewegung sondern ausschließlich als Heim dient. Am ersten Tag trafen wir Mat, den Anwalt aus Detroit, der eine Art Aufpasser hier im Mooring Field ist, eine ominöse russische Freundin hat - die laut Aussagen seiner Besucher eine „handful“ ist, die aber noch niemand getroffen hat. Es gibt Sherryn, alias Goldilocks, die alleine sehr weit draußen auf einem Schiff haust, permanent absurd gute Laune hat und so unglaublich viel redet ohne was zu sagen, dass es den Eindruck erweckt, sie habe ein eigenes Kokslabor an Bord, jedoch scheinen ihr dafür die finanziellen Mittel zu fehlen. Es gibt noch Skip, der mit seinem Pudel Captain Morgan mal geschniegelt, sauber geduscht herumflaniert, mal so dermaßen rottig barfuß und heruntergekommen im naheliegenden Park herumgammelt, dass man meist denkt, dass das unmöglich die gleiche Person sein könne. Und erst wenn man mit ihm spricht, ein weiterer hochintelligenter, interessierter, klarer Kopf in dieser Marina, und man ihm die oft so beiläufig gestellte Frage: „How are you?“ vorlegt, antwortet er, ungewöhnlich wahrheitsgemäß: „There are better days, and worse.“ oder „Better than most days!“

Oder unser Nachbar, der den ganzen Tag in der prallen Sonne liegt. Als hätte er noch nie was vom Ozonloch gehört, von der Gefahr der UV Strahlen. Dann gibt es auch tragische Schicksale, wie das adipöse Pärchen von Mooringball Nummer 139. Die Frau ist mit ihren 170 Pfund vermutlich noch halbwegs beweglich, sie trifft man ab und zu an Land bei den Duschen. Der Mann hingegen hat sich seit dem wir hier sind noch nie von seinem Fleck im Cockpit bewegt. Er scheint das absurd winzige Schiff, das sie bewohnen, komplett auszufüllen und außer der Bordkatze bewegt sich auf diesem Boot relativ wenig. Die Boote der Lifeaboards sind durchweg komplett bewachsen, chaotisch, überfüllt und mit obskuren Dinghys bestückt. Viele haben keinen Motor, einen Polstersessel als Steuerstuhl, sind notdürftig mit Plastikklebeband gerichtet - und fahren auch. 

Während wir hier gerade in der Angst vor der Weiterfahrt in die weniger auf Segelschiffe ausgerichtete Welt leben. Peter versucht beinahe manisch jedes noch so kleine Teil des Schiffes auf Reserve zu kaufen - brauchen wir neue Fensterscharniere?  Die Winkel am Tisch sind schon rostig, einen neuen Kompass, falls der alte ausfällt, ein zweites Paar dies, ein zweites Paar das und gleichzeitig kommt ständig der Satz: Das Schiff ist zu schwer, wir müssen aussortieren. Aber auf das können wir nicht verzichten. Und das ist auch total wichtig. Doch es wird der Moment kommen, wo wir einsehen müssen, dass wir möglicherweise mit Kompromissen leben werden können. Dass man nicht auf alles vorbereitet sein kann; dass alle Eventualitäten nicht berechenbar sind. 

Ja, es wird langsam Zeit, dass wir weiterfahren. Weg aus dem Land der unbegrenzten (Einkaufs-)Möglichkeiten.

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Kommentare: 1
  • #1

    burgi (Freitag, 24 März 2017 09:00)

    aber wartet noch auf die Schrauben! sind sicher wichtig.