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Die Überheblichkeit des Westens oder die Angst vor dem Nichts

Gestern haben wir ein paar deutsche Diplomaten kennengelernt, die schon seit längerem in Havanna leben. Sie sagen, dass es die ersten sechs Monate echt cool hier sei, dann aber merke man, dass alles nur Fake sei, ein gut inszeniertes Theater. 

Spricht man mit den anderen Yachties, heißt es immer, kauft was ihr kriegen könnt, es gibt hier nichts. Spricht man mit den US-Amerikanern, die wir in Miami kennengelernt haben, heißt es immer: Kuba, nein, da kann man drauf verzichten. Da war ich einmal - nein, das ist echt nichts für mich - aber ich will es für euch nicht verderben.

Wir waren hier in einem Supermarkt - es gibt einen nicht weit von uns, und der erste Eindruck ist tatsächlich: Hier gibt es nichts. Aber das ist genauso arrogant wie falsch. Es gibt einfach sehr wenig. Es gibt Zwieback und amerikanische Frühstücksflocken. Es gibt Milchpulver und Maismehl. Reis und Bohnen. Es gibt sehr viel Rum, Zigarren, Wasser und manchmal auch Joghurt. Keiner weiß warum, aber es gibt Phasen auf der Insel: Zwei Wochen essen alle nur Joghurt. Dann gibt es Würstchen. Manchmal Milch. Selten Eier. Immer wieder keinen Treibstoff. Unsere Wordlflat Handyrate gilt nicht für Kuba. Pro Minute und Megabyte kostet es 2-10 $

Und meine Reaktion darauf? Erst Begeisterung: Hurra, toll, endlich mal keinen Konsumzwang, kein Überangebot, ja genießen wir das Einfache. Keine Schokolade zu Ostern, keine Geschenke, nicht mal Nestchen. Und dann, dann folgt die Existenzangst. Keinen Treibstoff? Was machen wir dann, wenn kein Wind weht? Wie kommen wir weiter? Kein Internet?? Woher zur Hölle holen wir den Wetterbericht? Wer gibt uns Sturmwarnungen weiter? Wie können wir mit unseren Liebsten zuhause kommunizieren? Was, wenn etwas passiert? Was, wenn unser Mehl, unsere Butter, unser Lebensmittel zur Neige geht? Essen wir dann dreimal am Tag Reis und Bohnen? Werden unsere Kinder davon satt?

Doch die Menschen leben seit Jahrzehnten hier. Keiner sieht wirklich mangelernährt aus. Ich habe nicht von mehr Segelunfällen gehört als überall sonst auf der Welt. Und die Menschen, die ohne Internet leben sind um so viel neugieriger, offener, interessierter als wir, die alles sofort googeln.

Meine Kinder beginnen sich hier plötzlich sehr für Autos zu interessieren. Sind auch wirklich schön hier, die ganzen Originale von 49-55. Doch wie erkläre ich ihnen, was eine Ente ist ohne ein Bild aus dem Internet? Haben wir das Leben in Einschränkung schon völlig verlernt?

Und dann gibt es den Club Habana. Ein alter Kolonialbau, wunderschön hergerichtet, funktionierendes Internet. Hier konnte ich nun sogar Fotos hochladen. Es gibt Restaurants mit vielen Speisen, einen Strand und einen Pool. Zugelassen sind nur Diplomaten, Geschäftsmenschen und ausländische Tagesgäste. Der Tageseintritt kostet ein Drittel von dem Monatslohn eines Arztes, also 10 CUC (ca. 10 Euro). Und plötzlich fühlen wir uns wieder sicher, versorgt. Auch wenn wir das nie offen zugeben würden.

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Kommentare: 2
  • #1

    Burgi und Friedl (Sonntag, 16 April 2017 21:15)

    Grade habe ich Friedl alles vorgelesen. Wir freuen uns, auf diese Art und Weise an euren Erlebnissen partizipieren zu können. Ihr macht interessante Erfahrungen, aber diese aus der Ferne zu kommentieren , ist nicht leicht. Dass du mit deinen Sprachkenntnissen einen Schlüssel für das Land in der Hand hast, ist wirklich toll für euch - und macht uns stolz. Ich bin neugierig, was ihr noch alles so auf euch zukommen lasst.
    Noch eine schöne Zeit und tausend Grüße an alle! Burgi und Friedl

  • #2

    Ulli und Jessy (Dienstag, 18 April 2017 13:55)

    Lieber Peter, liebe Franziska, Pius, Nico und Frida

    Endlich komme ich dazu euch zu schreiben, wir lesen alle eure Beträge mit Begeisterung- fiebern mit euch mit und freuen uns mit euch!!!!! Über all das bereits erlebte und all die bestandenen Abenteuer.
    Wie Jessy und ich gesehen haben, haben unsere Kinder gestern bereits einen Kommentar an euch verschickt ( ohne ihn uns vorher zu zeigen �)


    Zuallererst alles gute zu deinem Geburtstag Peter nachträglich von Jessy und mir !!!,

    Wir waren vor ca 2 Monaten einen Segelvortrag von den " Seenomaden" vielleicht kennt ihr die beiden - es war wirklich auch sehr interessant die beiden sind seit Jahrzehnten mit ihrem Schiff quer über die Meere unterwegs. Und auch über Kuba wurde berichtet - dass der " Hafenmeister " dort ein eingefleischter Sissy Fan sei und deshalb den Österreichern sehr wohlgesonnen sei....... aber auch Jessy und ich bemerkten bei unserem Trip damals in Kuba dass bei den Kubanern auch sehr viel Show dabei ist.

    Naja was sollen wir euch schreiben - bei uns war in den letzten Monaten wahnsinnig viel los- das Jahr rast dahin - ich würde gerne etwas Geschwindigkeit rausnehmen und obwohl ich mir sehr viele Gedanken darüber mache ist es mir noch nicht so recht gelungen.

    Derzeit ist es leider wieder sehr kühl bei uns - unsere Kinder sind am 1. März mit Badekleidung in den Wörthersee gesprungen ( sie springen ja wirklich in jeden Tümmpel) und etwas geschwommen bei sage und schreibe 3 Grad. Das nennt man wohl kneippen. Ich glaube sie würden sich sehr über eure Wassertemperaturen freuen und reden immer davon wie es wäre mit Nico und Pius zu Schnorcheln und zu fischen.

    Was Abenteuer und außergewöhnliches betrifft haben wir natürlich weit weniger bis gar nichts zu berichten - unsere Kinder genießen ihre Freizeitaktivitäten mit stundenlangem Fußball und Tischtennis spielen bis in den späten Abend hinein und Streunen im Wald herum und bauen bereits ein 4. Lager. Unser Nachbar hat 10 kleine Hasen bekommen und bei Marie sind genau am Ostermontag 5 Küken geschlüpft also genug um Kinder den ganzen Tag " glücklich zu sehen.
    Aber eben keine Haie oder andere spannende Erlebnisse ( leider!)
    Ansonsten versuche ich dazwischen etwas innezuhalten um nicht vom Alltag aufgefressen zu werden.

    Liebe Franziska du müsstest regelmäßig Schluckauf haben - wir haben nämlich seit einiger Zeit ein Klavier und für Jessy dient es glaube ich zum Stressabbau und er sitzt die ganze Zeit davor und übt und spielt. Abends Sitz ich dann mit einem Gin Tonic am Kamin und lausche den noch etwas " holprigen " Klängen meines Pianisten und denke ob du dir auch hin und wieder einen " rumpunsch...." gönnst und dass ich mich über ein persönliches Gespräch sehr freuen würde.

    Inzwischen wünsche ich euch allen weiterhin alles gute - ganz viele und liebe Grüße vom Sternwirtweg!!!!!! ( und soo wichtig ist das 1x1 auch nicht auch wenn das Jakob anscheinend beschäftigt hat ��)

    Glg Ulli und Jessy