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Von Havanna gen Westen

Nachdem wir am Montag noch im Centro Commercial 3ra et 70 eingekauft haben, Mehl, eine Tafel Milkaschokolade für Pius zum Geburtstag (für 11$) und 12 Liter Kondensmilch - die ich fälschlicherweise für H-Milch hielt - legten wir im gestrigen Morgengrauen aus Havanna ab. Seitdem ist alles ein bisschen verrückt.

Wenn man aus der Marina Hemingway kommt, ein schmaler Durchfahrtskanal gesprengt durch ein Riff, findet man sich in herrlichen Segelbedingungen wieder. Die Gegenströmung des Golfstromes erfasst das Schiff und auch ohne Wind fährt man damit gut 2 Knoten. Mit Wind, der idealerweise und fast ständig aus O-NO kommt, haben wir schnell an Fahrt zugenommen und sind an der Nordküste Kubas gen Westen gesegelt. Das Meer zwischen Florida und Kuba, was auf manchen Karten Straits of Florida heißt, manchmal schon Golf von Mexiko, ist insofern faszinierend, als dass wenige Meter, höchsten eine Meile vom Ufer entfernt, schon 1000 Meter Tiefe herrschen. Ein Korallenriff umgibt die Westseite Kubas, und der Abbruch ist extrem steil. Ideal also zum Angeln - auch wenn wir außer einem blöden Barrakuda mal wieder nichts erwischt haben. Dennoch ist der Blick beim Segeln fasst immer aufs Wasser gerichtet und neben einem tanzenden Segelfisch, taucht plötzlich noch eine größere Flosse aus dem Wasser und direkt neben unserem Rumpf sehen wir einen Walhai im Wasser liegen. Fasziniert starren wir auf die wunderschönen weißen Punkten auf dem Rücken. Wie lange habe ich mir das gewünscht!

Dann setzt der große Regen ein. Über Kuba ist es derzeit schwül und immer wieder ziehen große Regenschauer und Gewitter über das Land. Wir haben es einige Stunden geschafft, den Wolken davon zu segeln, doch nun stecken wir mitten im Regen. Er ist warm, aber heftig und die dunkelblaugraue Wasseroberfläche, die sonst immer glänzt und glitzert, wird plötzlich matt. Wie ein riesiger Samtvorhang, über den wir schaukeln. Doch ist des Wassers nicht genug. Irgendwie hat sich die Dusche geöffnet, vermutlich hat sich der Schlauch bei einer Welle in der Armatur verhängt und 200 Liter warmes Süßwasser schaukeln nun in unserem Steuerbordrumpf. Pius ist begeistert, so viel Abenteuer, so viel los. Er pumpt auch fleißig die Bilge aus, und noch nie war der Boden und die Bilge so sauber. Leider hat es nicht nur alle unsere Handtücher erwischt, sondern auch noch die guten und so wertvollen Küchenpapierrollen, die wir extra aus den USA mitgebracht haben. Das schmerzt am meisten. 

Wir fahren an Bahia Honda vorbei, das 40 nm entfernt die erste Bucht gewesen wäre, wo wir die Nacht hätten verbringen können. Aber es regnet so und wir fahren so schön schnell, außerdem ist es erst früher Nachmittag - also weiter Richtung Islas de Colodrados, die im Westen liegen und wieder flacheres Wasser versprechen und ebenfalls Windschutz. Gegen fünf  erreichen wir die Mangrovenküsten, nur um festzustellen dass der Boden sowohl flach als auch völlig Seegras bewachsen ist, da hält kein Anker. Das Wasser ist schlammig und trüb, die zurückgekehrte Sonne steht schon flach und die Seekarten um Kuba sind fehlerhaft und ungenau. Nach einigen missglückten Versuchen, den Anker dennoch zum Halten zu bringen, haben wir aufgegeben und uns mal kurz hingesetzt, um nachzudenken. Lamentieren hilft selten im Leben, die Schuld konnten wir auch keinem zuweisen und den Meeresboden ändern noch weniger. Die Möglichkeiten waren begrenzt: 1. Anderen Anker montieren und versuchen, ob der hält. (Wir haben einen 33 kg Rocna montiert und einen 40 kg Jambo Ersatzanker) 2. Weiterfahren über Nacht bis Mexiko, 3. Anker mit sehr viel Kette auslegen, Ankeralarm einstellen und kurz und schlecht schlafen. Wir haben uns für Nummer 3 entschieden, da der Wind spürbar nachlässt und wir nach mittlerweile 12 Stunden on Tour schon relativ erschöpft sind. Dazu kommt, dass es stockdunkel ist, kein Licht zu sehen, weder Sterne noch an Land - wir sind in einer völlig verlassenen Gegend. Und dann kommen noch ganz anderen Gedanken: Was machen wir, wenn plötzlich nachts jemand an Bord auftaucht? Wir haben also verschiedenen Strategien durchgesprochen, legen wir ein Messer bereit oder führt Gewalt immer zu Gegengewalt? Funkgerät bereitlegen, wenn anfunken? Wer geht zuerst? Ich, weil ich Spanisch spreche?

Von all diesen Aufregungen bekommen die Kinder nichts mit. Die freuen sich diebisch an den riesen Seegrasklumpen, die wir mit dem Anker hoch schaufeln. Sie lieben das stille Wasser und sind sofort zu einer Entdeckertour mit ihren Bodyboards aufgebrochen. Sie haben so gut und ruhig geschlafen, wie schon lange nicht mehr. Sie haben fasziniert den Sonnenuntergang beobachtet, der diesmal lange und lila war. 

Und auch unsere Sorgen waren völlig unbegründet. Es war eine windstille Nacht, das Gewicht des Ankers mit 20 Meter Kette in 2 Meter Tiefe hat ausgereicht und Menschen gab es auch keine. Keine guten und keine bösen.

Um halb sieben bin ich schon wach, backe Brot und koche Tee. Genieße nun allein und in völliger Stille den Anblick auf die immer höher werdenden Berge an Land und das ruhige, stille Wasser um mich herum. Die Kinder schlafen oft bis halb acht, acht und auch Peter genießt das lange Schlafen.  Heute sind es nur wenige Meilen bis zum Cayo Levisa. Dann Richtung Cabo San Antonio an der spitzen Westseite der Insel und dann auf zur Südseite, die ganz anders sein soll. Flache Korallenriffe in klarem Wasser. Die Weiterfahrt ist dann unklar: Doch die Caymen Islands? Mexiko? Belize? Jamaika direkt? Es gibt so viele Möglichkeiten…

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