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Schon wieder ein Manöver des letzten Augenblicks

(Ich liebe diese Manöver, sie sind die letzte Bastion der Genitive in unserer Sprache und klingen so herrlich dramatisch.)

Gestern Nachmittag sind wir aufgebrochen. Weg von Kaiman Brac mit 1800 Bewohnern  (die gesamten Kaiman Inseln haben 60 000 Einwohner mit 135 verschiedene Nationalitäten). Der Motor ist repariert, wenn er auch nur noch sechs statt ursprünglich acht Schrauben hat, der Wind stark aber günstig, die Wellen hoch, aber erträglich. 

Der Himmel strahlend blau, der Sonnenuntergang weltklasse. Ohne Wölkchen, nicht einmal ein kleiner Fetzen und die Sonne ist ins Meer geschmolzen, wie eine fette Kugel Himbeereis auf heißem Asphalt. Wir waren flott unterwegs, acht Knoten, neun Knoten, die Stimmung an Bord toll. Alle hatte wieder richtig Lust auf Segeln und die Wellen machten die Kinder schön müde. Pius hat sich einmal recht würdevoll übergeben, dann eine riesige Portion Spaghetti gegessen und ist eingeschlafen. Frida hat auch gleich geschlafen und Niko und ich haben den ersten Wachdienst geschoben.

 Plötzlich taucht direkt vor mir ein riesengroßes oranges Etwas aus dem Meer, ich erschrecke fürchterlich, es wird schnell größer, scheint genau auf uns zu zu kommen, ich wecke alle anderen, Finger am Zündschlüssel, bereit, diesem brennenden Kreuzfahrtschiff oder was auch immer das sein könnte auszuweichen - kein Radar-Signal, kein AIS, stelle ich noch ärgerlich fest. Und dann halte ich inne. Irgendwas kommt mir so bekannt vor. Je größer das orangene Licht wird, um so deutlicher sind die Umrisse eines gigantischen Vollmondes erkennbar. Leicht verlegen schicke ich meine Familie wieder schlafen und amüsiere mich die nächsten Stunden köstlich über meine Beinahekollision mit dem Mond. Er selbst ist völlig unbeeindruckt und zieht in sanftem Bogen über uns hinweg. Die ganze Nacht begleitet er uns, es ist fast taghell, ich werfe deutlich Schatten und schon morgens um halb sieben ist Jamaika erkennbar. Wir müssen uns nun allerdings noch gegen Wind und Wellen die Küste hoch kämpfen und hoffen, gegen Mittag Mobay zu erreichen. Pius freut sich am meisten auf Obst und Gemüse, Peter auf Jugenderinnerungen und ich auf ein bisschen Leben im Landesinneren. 

Es war ein harter Tag! Wir sind fast fünf Stunden gegen Wind uns Wellen gefahren, bis wir endlich Montego Bay erreicht hatten. Dort angekommen, Robin der Cousin von Eammon, unserem Segelmacher in Miami, hatte uns einen Slip im Yacht Club reserviert, gab es ganz gehörige Probleme mit dem Anlegen. Die Mooring war gute 30 Meter vom Dock entfernt, der Bug musste also an die Mooring, das Heck ans Dock, keine Leine war lang genug, wir brauchten gut zwei Stunden bei 34 Grad, alle hatten schlussendlich blutende Finger, waren völlig verschwitzt und die wenigen Stunden Schlaf in der letzten Nacht waren auch nicht hilfreich für die Laune. Wir waren schon kurz davor, auf das naheliegende Kreuzfahrtschiff zu wechseln…

Doch der Yachtclub ist feudal und schön, die Stimmung auf der Insel großartig, die Menschen freundlich, strahlend, unkompliziert - neben der normalen Freude, mal wieder eine neue Welt auf dem Wasserweg erreicht und entdeckt zu haben, kommt nun die Freude auf die bevorstehende Zeit hier hinzu. Schon in wenigen Stunden haben wir einen Haufen Menschen kennengelernt, eine Familie aus Kentucky, die seit zwei Jahren hier lebt und im Waisenhaus arbeitet; Heidi, Sam Charlie und Elisa - morgen sind wir bei ihnen zum Schwimmen eingeladen, dann haben sie schon viele Ausflüge mit us geplant. Und das binationale Ehepaar Larry und Eve aus Jamaika und den USA, die seit Ewigkeiten ihr Schiff hier liegen haben und sofort zu uns an Bord gekommen sind, um über die schwierigsten Sprachen der Welt zu philosophieren. Ach, wie schön. Menschen, Leben, Kommunikation. Dazu eine Insel voller unbekannter Orte und Tätigkeiten. Wir geben uns hier mal zwei Wochen oder drei Monate, lassen alles wirken und sich entfalten. Doch der Anfang kleidet sich vielversprechend.

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