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Jamaika inside - Dinge, die wir nicht sehen können, oder wollen

Über all die schönen Dinge, die wir hier erleben, habe ich möglicherweise zu vergessen erwähnt, dass es auch andere Seiten gibt...

Letzte Woche ist uns erneut ein Schiff, diesmal eine riesige Luxusyacht, hineingefahren, hat nicht nur die Leinen zerstört sondern auch noch das ganze Dock auseinandergerissen. Das einzig Positive daran war, dass sie speziell für solche Fälle ein Crewmember an Board hatten, das sich darum kümmert. Ärgerlich bleibt es trotzdem, vor allem für den lieben Dawson, der überhaupt keine Lust auf solche Dinge hat, dem Schiff explizit verboten hatte anzulegen, aber eine seiner geldgierigen Buchhalterinnen nur Fuß mal Dollar gerechnet hat und dem 50Meter Schiff einen Liegeplatz am 50 Meter Dock zugesichert hatte. 

Lästig ist auch, dass unser Außenborder kaputt ist, ein seltenes und kostbares Gut, dazu noch unabdingbar beim Segeln und unersetzlich auf diesen Inseln. Wir haben also in den USA Ersatzteile bestellt. Alles kein Problem, Lieferung in 3-5 Tagen. Ankunft auf Jamaika via FedEx. Leider muss man, um überhaupt Sachen zu importieren, eine TRN besitzen, eine Tax Registration Number. Dafür muss man 4 Stunden im Tax Office stehen - das habe ich heute von 8-12 Uhr gemacht. Tragisch-komischerweise haben sie mich zwischendurch rausgeworfen, weil ich ein Tanktop anhatte und die sind, neben zu kurzen Röcken, sichtbarer Unterwäsche und Merinowolloberteilen - in allen governmental Gebäuden verboten (!). Allen hat mir kurzerhand sein Shirt gegeben, ich durfte also weiter anstehen, dann das Gebäude verlassen, um meinen Pass zu fotokopieren, es gab aber keinen Kopiershop, auch keinen Kopierer - nach 30 Minuten habe ich schließlich eine Arztpraxis davon überzeugen können, mir schnell mit ihrem Scanner eine Passkopie zu machen (Allen war empört: bei Jamaicans wäre das unmöglich). Endlich hatte ich mein Papier in der Hand, die Karte würde nachgereicht, ich solle eine Postadresse hinterlegen. Ok, kein Problem, wann denn ca.? Ja, so in 1-2 Jahren. Kein Witz.

Dann musste ich zu FedEx, nein, Sie können das nicht abholen, nur Ihr Mann, also Abholbestätigung der liefernden Firma aus den USA beantragen, drucken - wo denn?? Auf zur Apotheke, dann zum Flughafen, dann zum Customs Officer, 1.300 J$, weitere 20.000J$  (Gesamtwert der Lieferung: 14.000J$) für unaussprechbare Steuern, zwei Stunden Wartezeit am Flughafen ohne A/C, wieder in Allens Shirt, schimpfende, weinende, zeternde Menschen um mich herum. Zum Cashier, zurück zu Customs - doch noch ein Lächeln: Don't be afraid the next time!

Hey, wer immer noch glaubt, die EU und die Wirtschaftsabkommen seien Scheiße, hat einfach noch nie Waren in einem fernen Land bestellt!

Und nachdem wir so viel Zeit hatten, sind Allen und ich auch so richtig ins Plaudern gekommen, Leben in Jamaika vs. Leben in Europa - beinahe jeder Jamaikaner wäre sofort bereit, sein gesamtes Leben in Jamaika hinter sich zu lassen, um  in Europa zu leben. Ich habe das hinterfragt, warum, warm, cool, lustig, chaotisch - aber die ewige Armut. Es sei so schwer, unmöglich beinah, Geld zu verdienen - auch bei seinem relativ gutbezahlten Job, Kapitän auf einer privaten Yacht, ca. 800US$/Monat, blieben ihm nach allen Abzügen, nach Miete und Unterhalt für seinen Sohn noch gerade 150/Monat zum Leben. Ein Bier kostet hier ca. 3,50$, ein Mittagessen 8$. Computer, Autos, Fernseher, Internet - Dinge, die bei uns als Alltagsgegenstände betrachtet werden, als Allgemeinbildung, als Notwendigkeit - sind hier der pure Luxus. Und Allen ist einer von den gebildeten, von denen die Lesen können und eine Ausbildung genießen durften. Anders als Puffy, der so gerne im Ausland arbeiten würde, auch Angebote hat, weil er fleißig und gründlich und sehr verantwortungsbewusst ist - leider kann er nicht lesen. 

Wie beantragt man ein Visum ohne lesen zu können, wie beantwortet man eine SMS und was ist eigentlich eine E-Mail, eine Steuererklärung, ein Arbeitsvertrag?

Nein, wirtlich lustig ist das Leben in der Karibik wohl nur für die Touristen. Und für die wenigen, die durch die Touristen so richtig viel Geld verdienen. 

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