· 

100 Jahre zurück - fast

Fünf Tage waren wir nun in der Vergangenheit, naja, in der relativen Vergangenheit; fünf Tage nur, nicht fünf Monate oder fünf Jahrzehnte - dennoch war es eine gefühlte Ewigkeit

Wie war das Leben ohne Autos? Ohne Heizung? Ohne Strom? Ohne Warmwasser? Ohne Kühlschrank? Ohne Butter, Milch, Käse? Ohne Fleisch? Wenn es nachts bis Minus 2 Grad hat und die Sonne um 17:30 den Himmel verlässt... die Hütten sind nicht isoliert, die Fenster zugig. Die Bettdecken sind dick und zentnerschwer - Daunen ein Fremdwort. Und dazu der fehlende Sauerstoff. Peter und ich sind nachts oft stundenlang wach und fragen uns, was denn der Elefant auf unserer Brust zu suchen hat. Ein Gefühl, was durch die Decken noch verstärkt wird.Eine warme Dusche wäre schön, oder ein Bad... haha! Die Menschen und die Kleidung beginnen langsam zu stinken. Wenn die Sonne scheint, wird es recht warm, fast 20 Grad, man schwitzt also.  Die Uro und Aymara-Frauen waschen bei 12 Grad warmem Wasser im See - ich schaff das nicht.

Draußen ist es dunkel. Drinnen gibt es eine kleine Glühbirne - ja, Solarstrom mit Autobatterie - deshalb relative Vergangenheit. Doch bis zum Essen dauert es noch drei Stunden. Drei Stunden! Wir ziehen uns also alle Kleider an, die wir dabei haben und spielen Karten, Runde um Runde. Wir lernen, schreiben, rechnen. Lesen vor - endlich ist es halb acht. Das Essen besteht aus Quinoa-Suppe mit Gemüse. Und dann Quinoa mit Gemüse - ohne Suppe. Drei Tage freuen wir uns an dieser gesunden, veganen Kost. Sie ist auch köstlich, doch nach einer Weile einfach zu wenig. Und dann beginnen wir nachts von Sahne zu träumen, frischem Obst, Fleisch , Cappuccino...  

-> Vegetarier, Veganer, Laktose- und Fruktoseintolerante - dies ist Euer Ort!
Und die Hygiene! Welche? Ja, welche! Das Wasser stammt aus dem See, abgewaschen wir auch im See, Händewaschen bei der Kälte macht nur selten Spaß. Die Kleider verschmutzt. Ich meine, ich bin ja echt kein Hygienefreak - jeder der mich kennt, weiß, wie wenig mich das kümmert, doch hier beginnen wir alle einen Fimmel  zu entwickeln. Ich werde zu einem Menschen, der sich so ein Desinfektionsgelfläschen am Gürtel wünscht... Auch mit dem täglichen Anblick der Zähne der Einwohner. Kein Kind ohne Karies, die meisten mit kleinen braunen Stummeln im Mund. Die großen haben nur noch wenige Zähne. Ja, die Zähne und der Umgang mit Plastikmüll verraten einem viel über die wahren Probleme der Menschen.

Der See ist teilweise mit einer Plastikschicht bedeckt, das Land ebenfalls. 

Auf dem Weg nach La Paz sagt Frida nur noch ein Wort: Fleisch! Fleisch! Fleisch!

Wir versprechen ihr sofort nach Überquerung der Grenze in Desaguadero - die schrecklich arm und schrecklich staubig ist, ein reichhaltiges Mittagessen. Doch dazu kommt es noch lange nicht...

Unser Bus wurde storniert, also sind wir mit dem Taxi gefahren. Das Taxi durfte aber nur bis zur Grenze. An der Grenze nimmt man dann ein Dreirad und fährt auf die andere Seite. Dort steht man eine Stunde in der Schlange zu Migration. Dann nimmt man ein weiteres Taxi. Es ist unglaublich billig, aber sehr nervenaufreibend. Nicht nur fuhr unser Taxifahrer kategorisch rechts an allen vorbei, er nutzte auch aktiv seine Stoßstange, um sich Lücken im Stau zu erkämpfen. Als dann mitten in La Paz an einer Kreuzung auch noch ein Unbekannter den Kofferraum aufriss, wo unsere Pässe und Laptops lagen, war ich an meiner persönlichen Grenze angelangt. Ich habe mich rückwärts aus Gepäck gestützt und alles festgehalten, der Taxifahrer lachte. Irgendwann sind wir doch noch vollständig am Hotel angekommen. 

Als erstes haben wir Fleisch in Sahnesoße gegessen, dann alle gebadet, dann habe ich vier Maschinen Wäsche gewaschen, gekocht und gebleicht. Wir haben alle Lichter und Heizungen angeschaltet, das Internet leergesurft, sind unter dicke Daunendecken gekrochen und haben 12 Stunden geschlafen - was uns bleibt ist ein grauenhafter Durchfall, den wir mit Kohle zu bekämpfen versuchen...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0