· 

Trash nicht Trapp

Regen, Feuchtigkeit, Langeweile und ziemlich viel Dreck... Unser Vorweihnachten!

Vielleicht sollte ich weiter ausholen, vielleicht ist nicht ganz klar, warum wir hier festsitzen. Und wie Festsitzen eigentlich aussieht. Also seit unserer Überfahrt von Jamaika wissen wir, dass unsere Fenster, also die seitlich am Rumpf sitzenden Klappen bei höherem Seegang undicht sind. Das scheint unter anderem daran zu hängen, dass unsere Rümpfe sich relativ viel bewegen. Wir sind nun mal ein Leichtbaukat, bei anderen, schwereren uns damit stabileren Schiffen halten sie wohl gut. Es sind auch die einzigen, die für diese Position uns für diese Ansprüche (ergo Segelgebiet 4, 200 Meilen + offshore) zugelassen sind. Leider sind sie eben undicht und somit müssen sie hier getauscht werden, bevor wir weiterfahren. Sven, unsere kompetente Hilfe, unser Freund und Mitsegler aus Flensburg, ist also für vier Wochen hier und hilft uns, diese Aufgaben zu bewältigen. Sein erster Kommentar war - Naja, also eigentlich macht man solche Arbeiten ja nicht unter diesen Bedingungen in diesen Ländern… Was er damit meint? Also: Wir sind hier im Dschungel. Der nächste Supermarkt, wo es Milch und Brot gibt ist 35 Minuten mit dem Auto entfernt, wenn man Fleisch kaufen will, fährt man 1,5 Stunden. Nachts hören und sehen wir Brüllaffen, Papageien fliegen täglich schimpfend über uns hinweg, es gibt Pythons, Rehe, Capybaras und Pelikane. Sonst nicht sehr viel. Außer vielleicht Müll und Armut. Drogenhändler und Kokosnusspalmen. Wer hier strandet, kann und will nicht mehr viel weiter. Die meisten Segler hier sehen aus, als hätten sie seit Wochen und Monaten keine medizinische Hilfe und auch keine Nahrung mehr erhalten. Die Kalorien im echt günstigen Bier halten die Haut über den Rippen zusammen. Wir sind derzeit also eher die Trash- als die Trapp-Familie, die in schlammigen Wiesen Fiberglassstaub einatmet, die täglich den Staub und Müll, den Schimmel und die leeren Acetonkanister vom Boot sammeln muss, danach kalt duschen und aus wenig ein Essen zaubern. Kein Internet, keine Annehmlichkeiten. Seit Tagen suchen wir vergeblich ein paar kleine Blinker, in der Hoffnung, dass sie Kinder mal einen Fisch fangen. 

Meist regnet es. Oft stundenlang. Und die Wolken hängen tief über der grauen See. Weihnachten? Hm, heute haben wir versucht, etwas für einen Adventskalender und für Nikos bevorstehenden Geburtstag zu kaufen. Gefunden haben wir eine Pimmel-Piñata und eine Machete. Das sind so Momente, wo man sich fragt, ob wir wirklich grade den Traum der Träume leben, das pure vida, von dem uns alle so vorschwärmen. So wie unser Schiff derzeit aussieht, ist es schwer vorstellbar, dass es tatsächlich mal wieder eine Art komfortables Zuhause wird, immer öfter fragt man sich, was wir hier eigentlich tun. Ob die netto Reparaturzeit eigentlich immer größer sein muss, als die netto Segelzeit. Ob alle Segler nach einigen Jahren so aussehen müssen, wie das hiesige Klientel; verhungert, krank und irgendwie räudig? Haben wir uns das so ausgesucht? In Europa ist es kalt, ja, regnerisch, ja, aber man kann vielleicht zuhause sitzen und kalorienreiche Plätzchen essen, Glühwein trinken, Weihnachtsgeschenke bestellen - so was gibt es hier einfach nicht - vor allem keine Geschenke. Frida ist es mittlerweile gewohnt, dass es Wochen und Monate dauern kann, bis man den gewünschten Sandspieleimer findet. Sie kennt es nicht anders - und wir ? Nun ja, wir versuchen uns davon zu überzeugen, dass wir den Lebenstraum aller leben, dass nichts schöner ist, als umgeben von Trash die Vorweihnachtszeit zu verbringen, dass No-See-Ums und Erdkrabben die schönsten Haustiere sind und warm immer besser als kalt. 

Doch noch eine schöne Slapstick Anekdote zum Schluss: Vor unserem Haus wächst eine/hunderte Kokosnusspalmen. Pius, der Velcro-Monkey, vermag ohne Hilfe dort hinauf zu klettern und die Kokosnüsse herunter zu holen. Nicht so diesmal. Als er sich an einem Blatt festhalten wollte, fiel dies hinunter und mit dem Blatt ein Nest Mini-Bienen. Diese waren über die Störung nicht sonderlich erfreut und jagten Pius  - echt wie im Komik - im ZickZack kreuz und quer durch den Garten, bis sich Pius, geistesgegenwärtig, inklusive Kleidung über die Mauer ins Meer stürzte.  Was haben wir gelacht - vor allem als die Kinder danach probierten, den „Honig“ in den heruntergefallenen Waben nicht nur zu angeln sondern auch abzulecken - schmeckte wohl eher nach Kotze, laut Niko, aber so lernen wir täglich Neues. 

 

Hoffentlich ihr auch?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0