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Wunder und Normen

Militärrazzia auf Floating Bar nach dem Diebstahl von Plastikschuhen - über den Umgang mit Gewalt und den Umgang mit Normalität. 

Was ist, wenn Wunder zur Norm werden?

 

Nachdem ich gestern das womöglich 51 000ste Bild von meinen Kindern am Palmenstrand mit türkisfarbenem Wasser im Hintergrund gemacht habe, begann ich mich zu fragen, was für unsere Kinder im Leben eigentlich mal das Besondere werden wird. Das Erstrebenswerte, das Außergewöhnliche, das, wonach man sich sehen kann. Das man sich in Großformat als Tapete an die Zahnarztpraxiswand kleben kann. Wenn Pelikane vom Himmel stürzen und ins Meer eintauchen, schaut man sich das die ersten Tage gebannt an, die nächsten Wochen begeistert und die folgenden Monate mit Interesse. Dann wird es irgendwann normal. Wenn Brüllaffen ihr Konzert geben, bekommt man die ersten Nächte Gänsehaut - nach einiger Zeit hört man es schon gar nicht mehr. Es wird zur vielbeschworenen Kuckucksuhr, die in der großväterlichen Wohnung hängt. Oder zum Kirchturmuhr vorm Wohnzimmerfenster. Wenn Faultiere im Garten, Kokosnüsse mehrmals täglich, Geckos an der Zimmerdecke und Delphine vom Schlafzimmerfenster alltäglich werden - worüber wird man sich dann mal freuen? 

Sind Wunder endlich? 

Kann man Faszination verlernen? 

Was ist, wenn die Antwort meiner Kinder auf alles berichtete Erlebte sein wird: Kenn ich schon! Oder: Hatte ich auch schon mal! 

Aber vermutlich ist das dumm gedacht. Meine Kinder werden Urlaub in Mecklenburg Vorpommern, am Balaton oder der Arktis machen. Sie werden in der Wüste zelten oder ausschließlich durch europäische Großstädte ziehen. Möglicherweise ist es für sie auch das Schönste, auf einem Balkon zu sitzen und ihre Geranien zu gießen. Reisen finden sie überflüssig und Hummer zu Kotzen. 

 

Und wenn man sich über eigene Normen wundert?

Wenn die Definition von Gewalt, der Umgang mit Gewalt, die Alltäglichkeit von Gewalt so dermaßen anders ist, als man es kennt, möchte, wünscht?

Wenn ich die Kinder hier beim Spielen beobachte, oft sind fünf bis vierzehn bei uns im Garten um mit meinen zu spielen, und eines der beliebtesten Spiele ist, sich gegenseitig zu verdreschen. Die prügeln sich, bespucken sich, ziehen sich an den Haaren, würgen sich  - meine Kinder mitten drin. Die finden das witzig. Da fließen auch keine Tränen - alle sind rot im Gesicht und erregt, begeistert. Wer bin ich zu urteilen?

Doch geht es oft noch einige Schritte weiter, werden Kinder geohrfeigt, Hunde mit Steinen beworfen, die Rute benutzt (bei Kindern und Hunden gleichermaßen). Wie weit darf ich mich einmischen? Mit welchem Recht verbieten?

Welche Werte vorherrschen im sogenannten Gastland? 

Nach der Vorstellung der europäischen Rechtspopulisten und vieler anderer Menschen müssen wir uns ja in die Kultur einfügen, deren Gastfreundschaft wir in Anspruch zu nehmen gedenken. In den Integrationskursen wird „Werte und Normen des Aufnahmelandes“ unterrichtet. Und was erkläre ich meinen Kindern? Nein, hier tut das nicht weh, wenn der Opa mit dem Stock auf sie einprügelt? Das ist hier anders? 

Trevor Noah, ein südafrikanischer Comedian und Autor (mit der Lektüre von Sklaverei, Apartheid und Kolonialisierung muss man sich hier natürlich einfach beschäftigen), schreibt auch für ihn war die Maßregelung mit dem Stock üblich, er empfand es durchaus als gerecht, wenn er Unsinn gemacht hatte. 

Gewalt als normaler Teil des Lebens? Kann ich mich daran gewöhnen? Was ist, wenn meine Kinder das normal finden und, sollten sie jemals wieder in eine europäische Schule gehen, werden sie die Mitschüler bespucken, die Lehrer an den Haaren ziehen und jüngere würgen? Reicht da die dürftige Erklärung; andere Länder andere Sitten, die gutgemeint nachts an der mütterlichen Brust geflüstert wird?

 

Doch weg von der fernen, hin zu der nahen Zukunft: Morgen lernen wir Kokosnusssöl zu pressen und Krebse zu fangen. Am Freitag fahren wir ins Kanalmuseum. Und schließlich haben wir immer noch den Auftrag, herauszufinden, zu welchem schrägen Vogel sich eigentlich unser Popcorn mal mausern wird - das ist derzeit die größte Spannung. Ach ja, plus: Das Schiff ist immerhin schon wieder sugarbrown/metallic und die Fenster werden morgen eingefügt!

 

A pros pro Popcorn - noch ein schreckliches Ereignis grausamer Gewalt hat sich heute Morgen in unserem Garten abgespielt - Niko hat sein geliebtes Küken zum Sandbaden an den Strand gebracht - nur um es kurze Zeit gewaltsam aus einem Erdkrabbenloch zu ziehen, da die Erdkrabbe schon ein gutes Frühstück vermutete - sie war riesig. Das Bein von Popcorn ist nun gebrochen, eine offene Oberschenkelhalsfraktur. Wir haben sie desinfiziert, verbunden, geschient - irgendein Arzt oder Tierarzt noch einen guten Tipp für die Pflege? Wir leiden schwer mit!

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