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Jedem Anfang ...

Nun sind wir also auf den San Blas Inseln, pünktlich zum Jahreswechsel. Der Wetterbericht sah gut aus für diesen Tag, die Realität war, wie so oft, anders. Wir kämpften gegen 18, 20 Knoten Wind an, fuhren ZickZack - Harry Potters Narbe - wie Niko nach einem Blick auf den Plotter begeistert feststellte, die Kinder kotzten, die Wellen wurden höher, die Reffleine riss und es wurde dunkel, dann fiel der Plotter aus.

Doch nichts, was wir nicht schon kannten, nichts was tragisch gewesen wäre. Sind wir doch mittlerweile recht geübt und segelerfahren. Die Kinder schlafen alle vier, Peter und ich hangeln uns nach vorne, flicken die Leine notdürftig, nehmen das Handy zur Navigation und fahren dicht an der Küste die letzen 15 Meilen mit Motor, um noch vor der absoluten Dunkelheit an den Riffen vorbeizukommen. Gesagt, geschafft, der Anker hält auch nach dem vierten Versuch, nur sind wir jetzt alle viel zu müde, um noch mit den 200 duschgeknallten Hippieausteigern auf Chichimay Vollmondparty zu machen. Wir starten ein paar Notrufraketen, um Pius pyromanischen Trieb zu befrieden und legen uns nach einer Portion Nudeln mit Tomatensoße schlafen. Die Insel wird auch am zweiten Tag nicht schöner, Aussteigerhippies machen ebenfalls Müll und davon nicht zu wenig. Zum Schöntrinken sind wir zu alt, also beginnen wir mit den ersten Reparaturen  - es ist ja auch der Mastervolt mal wieder tot und Peter benötigt schließlich vier Tage und sein gesamtes programmiererisches Können, um ihn wieder zum Leben zu erwecken (der Mastervolt ist eine digitale Touchscreen, die unser gesamtes Stromnetz am Schiff steuert) und verbringen schließlich den ersten Abend des neuen Jahres bei einen Franzosenpaar aus Reunion auf ihrem Catamaran. 

Am nächsten Tag geht es weiter durch dieses Riff- und Inseldickicht, das ausschließlich von Gunas bewohnt wird - und von hunderten von Seglern, die hier einen idyllischen Winter verbringen möchten. Die meisten sind ziemlich investitionsbedürftige Schiffe, die ihr Geld von Chartergästen aus aller Welt verdienen und ihr Motto lautet ganz klar: Es gibt kein Morgen und nach mir die Sintflut. So schwimmen wir wieder durch Berge von Müll und wundern uns nicht über die feindlichen Blicke der Gunas, die ab und an vorbeikommen.

Nun möge hier kein falsches Bild entstehen - natürlich bewegen wir uns hier in einer Kulisse, die den meisten Menschen als eine Art Abbild des Paradieses erscheinen mag. Einsame Inseln mit Kokospalmen in ruhigem türkisblauem Wasser, umgeben von bunten Korallenriffen und perlengeschmückten Indianern, die buntgewandet darauf herummeandern. Aber eine Palme macht halt noch kein Paradies! Die vielen Besucher hinterlassen Spuren und ich bin mir nicht sicher, wie lange man hier so völlig gratis und unbehelligt hindurchreisen kann. Einige Segler machen wohl regelmäßig Müllverbrennungspartys, andere nehmen es möglicherweise nicht so genau. Doch Geheimtipp ist das schon lange keiner mehr. 

Die Kinder finden es super - kurze Segelstrecken, einsame Strände, unendliche Riffe mit bunten Fischen und  - Dank der Gunas - täglich frischem Fisch auf dem Tisch. Sie lernen morgens - widerwillig zwar aber erfolgreich, gehen dann zwei bis drei Stunden schwimmen, tauchen, schnorcheln, fischen. Auch Frida, die mittlerweile aus zwei Metern ins Wasser springt, taucht und schnorchelt locker mit den Großen mit und genießt  - so wie wir alle - dass Noa nun endlich mit an Bord ist und ein gutes Gleichgewicht herstellt. Auch hat der „Heimaturlaub“ alle bestärkt und gekräftigt, alle sind aufgetankt mit Liebe und Sicherheit und können die Fremde dadurch umso mehr genießen. Noa frönt seit langer Zeit einmal dem Nichtstun - auch wenn sich das bald ändert, da übermorgen Gregor zu Besuch kommt, Peter bastelt seine 10 Stunden täglich an kleinen Projekten herum, mal frustriert, mal erfolgreich und ich? Ja, ich tue das, was alle Seglerfrauen freiwillig oder unfreiwillig tun: was übrig bleibt! Versorgung der Crew, Beschaffung von Nahrungsmitteln, kochen, putzen, Erste Hilfe, Leinen flicken, Wäsche und Tränen trocknen, lehren und lernen. 

Wie sagte meine französische Freundin Cordine neulich: Franziska, tu aimes faire de la voile? Ah, aimer,  c’est un mot tres fort, n’est ce pas? War meine Antwort und wir alle wussten nur zu gut, was damit gemeint ist. Aber es gefällt mir. Ja, nach wie vor sitze ich, zum Beispiel jetzt, unter dem Sternenhimmel auf Deck, höre die Brandung über die Riffen rauschen, ein Lüftchen umspielt meine nackten Beine, denn auch nachts hat es 28 Grad und es schaukelt leicht, mein Zuhause. Hier und dort springt ein Fisch, mal schnauft ein Delfin neben mir und meine mir am innigsten Verbundenen schlafen alle in Reichweite um mich herum. Tief, wohlig und sicher. Das reicht für den Moment. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Sonntag, 21 Januar 2018 20:20)

    Ach, und ich habe sooo lange nicht auf den Blog geguckt, weil ich Euch doch lost in paradise vermutete. Bitte übersetze immer die Fachwörter aus der Segelwelt und das Französische für Deine ältere, aber doch noch jüngste Tante/Großtante!