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Antipoden

Wie die Laune immer spielt bei dieser Reise! Gerade noch ist alles friedlich und schön, alle sind entspannt und nichts scheint dazwischen kommen zu können - doch da ist sie dann, die Nacht, die wieder alles kaputt macht:

Wir mussten nahe des Festlandes, des tiefsten Dschungels ankern, da wir Gregor aus Zürich abholen wollten. Doch am Festland lauern nicht nur die No-see-Ums, eine kleine Mückenart, die ca. die Größe eines Stecknadelkopfes hat, deren Stiche jedoch schlimmer sind als alte, rostige Fixernadeln; es ist, da Regenwald, auch Dauerregen. Hatte ich mir nie überlegt, was Regenwald eigentlich impliziert. Habe ich auch nie so kennengelernt, den Regen ohne Pause, über Tag und Nacht, 10 und 24 Stunden. Nichts wird mehr trocken, nichts ist gemütlich. Drinnen heiß, bis 36 Grad, draußen nass. Das Wasser schlammig braun - und keine Spur von Gregor. Wir beschließen also, die Gelegenheit zu nutzen, leisten uns für 110 US Dollar ein Taxi zum nächsten Supermarkt, denn nicht nur müssen wir durch den gesamten Primärwald, wir müssen auch noch sämtliche Grenzen passieren, die versuchen - und wirklich nur versuchen - den Drogentraffik auf dieser Route in Maßen zu halten. Wir haben die Situation falsch eingeschätzt, haben gedacht, auch hier gäbe es Gemüse, Obst und ein paar Dosen - doch Pustekuchen!

Und so wiederholen sich beim Segeln immer alle Situationen. Mal wieder sitzen wir hier, ohne Internet, ohne Lebensmittelversorgung. Die Vorräte schrumpfen auf Nudeln, Reis und Tomatensoße zusammen und wie schon bekannt, haben unsere Kinder leider auch so hohe Ansprüche, dass ihnen Dosengemüse ja nun wirklich nicht schmeckt… doch das wird sich ändern. Spätestens nach der dritten Woche Konservenkost ohne frisches Obst oder Gemüse, nach Wochen ohne Milchprodukte, nach Monaten ohne GPS oder Internet - nur umgeben von Mücken, Indianern, Militär und Inseln. Irgendwann wird der Dosenpfirsich zum größten Genuss, das Spiegelei zum Festmahl, die Mahlzeit als solche zur herbeigesehntesten Belohnung des Tages. Jetzt weiß ich auch, warum es nur noch so wenig Cruising Families gibt, scheiß auf Bildung - man bekommt seine Brut einfach nicht satt, sie könnten bis zu fünf volle Mahlzeiten essen in diesem Alter - wir schaffen gerade mal drei… Haferschleim, Nudeln, Reis am Abend - was soll ich sagen? Segeln macht schlank. Zwangsweise.

Doch erstmal sind wir aufgefüllt, bis an den Rand voll mit frischem Obst und Gemüse, mit 6 Kilo Butter und Joghurt. Wir schwelgen in Pfannkuchen und Schinkenbrot. 

Und endlich ist Gregor da, kaum betritt er das Schiff, heißt es auch schon Anker hoch und los geht’s. Weg weg vom Land, vom Regen, hinaus zu den Inseln, den Riffen. Und schon kommt uns ein kleines Dogou entgegen - wollt ihr Königskrabben, Lobster - ja, alles bitte, danke. 10 Dollar und drei Tage essen. Niko ist der Profi im Zubereiten. Zack, Kopf ab, Antenne im Hintern, Darm raus - auch ja, a pros pro Darm. Alle Zartbesaiteten brauchen nun nicht mehr weiter zu lesen, aber Niko, unser Beobachter hat auch festgestellt, dass nach dem Toilettengang plötzlich keine braune Wolke mehr erscheint - der Tank war bis zum Bersten gefüllt und der Ausgang durch dicke Knödel verstopft, die Frida und ich rausgeholt haben, bis sich der Inhalt mehrerer Wochen über uns ergossen hat - soll ja bekanntlich schön machen und so. Doch nicht nur der Blackwatertank, auch der Watermaker und der Nexus Server haben sich verabschiedet. So heißt es nun Regenwasser sammeln und raten, wie tief das Wasser ist und wie stark der Wind. Doch nicht nur die Leber wächst mir ihren Aufgaben, wir tun es auch und so wie die Gunas, die neben geringer Größe übermäßig viel Humor haben, beginnen auch wir jede Katastrophe mit ziemlich viel Amüsement zu betrachten. Und die Planung geht weiter - nach dem Kanal kommen die Galapagos und dann der Pazifik. Auf zu den Marquesas, Tahiti, Australien, Singapur… es gibt noch viel zu sehen. Und, wie sagte meine neue Bekanntschaft aus Texas, der gerade eben den Pazifik einhändig rückwärts gesegelt ist? Believe me, there is a lot of water out there!

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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara (Sonntag, 21 Januar 2018 20:26)

    Wie gut, dass Du Humor hast, aber was bleibt Dir auch übrig.... Sollte jemals ein kleiner Hauch von Fernweh über meine Seele gehuscht sein, so ist er jetzt wieder weggeweht und ich bin dankbar, für meine 92jährige Mama Karpfenfilet, Wurzelgemüse und Buchteln mit Kanarimilch zubereiten zu dürfen.
    Und meine drei Goldfische sind auch sehr nett!!

  • #2

    Barbara (Sonntag, 21 Januar 2018 20:28)

    Obwohl, so ein Segelurlaub täte meiner Figur ganz gut (bzw. der barocken schlecht). Ich werde, wenn mich Mama wieder kritisiert, ihr den Vorschlag machen, dass ich ja auch auf den Pazifik kommen kann!