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Nachtwacht

Seit Christoph Columbus braucht man übrigens für Nachtwachen, unverändert, folgende Utensilien: lila Fleece-Schlafsack, der seit 2014 besitzerlos an Bord kam und der seither jede Nachtfahrt von Nöten war, blaue Baumwollleggins - bloß kein Shishigoretexfunktionsgewand-  rote Cola, grüne Pringels, iPod mit sehr viel Musik, Kindle mit noch mehr Büchern.

Man hört mit einem Ohr leise Musik - gerne schnulzige, kitschige Lieder, die das Gemüt beruhigen, wachhalten und auch mal zum Mitsingen anregen (aber nur so leise, dass die anderen an Bord weiterschlafen können), man liest Bücher im Kapitelrhythmus. Die Bücher sollten möglichst lang sein, sonst passiert es leicht, dass man während einer Nachtschicht mal drei am Stück ausliest und so ein Romanvorrat auf Reisen ist leider endlich. Derzeit bevorzugt: Klemm, Laferriére, Korn. Den Kapitelrhythmus benötigt man dafür, dass man alle 10-15 Minuten aufsteht und schaut, ob ein anderes Schiff kommt, eine sichtbare Gefahr droht oder auch nur um kurz die Sterne oder den Mond zu bewundern. Auch nach Sternschnuppen kann man schauen und auf das fluoreszierende Plankton, das wunderbar funkelt und glitzert im schwarzen Wasser. 

Cola und Pringels geben genau für 3-5 Stunden Energie und Wachsamkeit. Ich denke, dass sie für nur diesen Zweck erfunden wurden. 

Meine Mutter möge hier zu lesen aufhören.

Das sind die guten Nachtwachen, etwa 50 Prozent. Bei den anderen kommt es durchaus vor, dass man völlig durchnässt, durchgeschaukelt von den Wellen, im Regen stehend versucht, die Scheißsegel runter zu kriegen, weil plötzlich Starkwind eingesetzt hat, weil es so dunkel ist, dass man nichts sieht und das Schiff mit hoher Geschwindigkeit im Schleudergang durch die unendlichen Weiten der Ozeane saust. Dass in dem Moment unter einem ca. 4000 Meter schwarze nasse Tiefe liegen, von denen einen  und die eigenen Kindern nur 2,5 Zentimeter Glasfaser mit Schaumkern trennt, sollte man wenn möglich immer vergessen. Überhaupt ist denken bei den Nachtwachen absolut unerwünscht - deshalb Buch und Musik. Man sollte sich nie überlegen können, dass der große Baumstamm, den man heute bei Tageslicht vorbeischwimmen sah, genausogut auch nachts im Wasser sein könnte und eine Kollision genauso möglich, dass es Schiffe gibt, die unbeleuchtet und ohne AIS fahren, dass Containerschiffe auch gerne mal mit einem Container weniger im Zielland ankommen… 

Doch dann schaut man wieder an den Himmel, der sich mittlerweile vielleicht doch wieder aufgeklart hat, zu einem Mond, der endlich wieder fast voll am Himmel steht, man hört das leise Plätschern des sich beruhigenden Meeres und nimmt einen Schluck kalte Cola und dann ist die Welt auch wieder gut, das Wasser dein Freund, das Schiff deine Insel. Und das Buch  - das von allem außer vom Seefahren handeln darf - leitet deine Gedanken auf Terra Firma. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Isabelle Vogt (Sonntag, 18 März 2018 12:52)

    Liebe Franziska, statt eines Buches verschlinge ich heute Sonntagnachmittag auf dem Sofa unter der warmen Decke deine Geschichten - ein Fortsetzungsroman erster Güte, nicht nur autobiografisch, sondern fast schon Livebericht - und lebe, leide, friere und freue mich mit, höre das Rauschen des Meeres, spüre die sengende Sonne auf meiner Haut und den Sand zwischen meinen Zehen, denke an euch und schicke euch allen in Gedanken einen Schutzengel. Herzliche Grüsse an die ganze Crew Isabelle