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Müde?

Der letzte Eintrag ist schon wieder eine Weile her - und auch wenn ich die Fotos auf meinem Handy durchschaue, entdecke ich kaum neue - was ist los? Sind wir des Segelns, Lernens Erfahrens müde geworden? Gibt es nichts Neues mehr zu berichten? 

Wir sind von Moorea nach Huahine gesegelt, von Huahine nach Raiatea, von Raiatea nach Tahaa. Es sind unspektakuläre Fahrten, unaufgeregte Ankünfte - vielleicht haben wir uns auch schon sattgesehen an der Schönheit der Südsee. Wasser: Türkis, Riffe: schön, Inseln: grün. Menschen: freundlich bis desinteressiert, Essen: lecker bis französisch, Wetter: sonnig mit vereinzelten Regenschauern. 

Wir lernen neue Menschen kennen, gehen einkaufen, schwimmen und immer wieder fahren wir, nur um ein Internet zu suchen. Unser Paradies ist ein Ankerplatz im kristallklareren Wasser mit Haien und Rochen unter uns und einer Patisserie in der Nähe, weiteren Boat-Kids und dazu Internet. Kann man nicht immer haben, manchmal aber schon. 

Doch wissen wir auch, dass unsere Zeit hier und im Pazifik allgemein begrenzt ist, irgendwann hat man das Inselleben gesehen, dass Essen gegessen, die Menschen - zumindest allgemein betrachtet - getroffen. Man hat die Perlen bestaunt, die Ananas wachsen sehen, die Kokosnüsse getrunken. Und ab und zu telefoniert man mit Zuhause, hört von Sorgen und Problemen auf der anderen Seite der Welt, schämt sich, weil es im Vergleich dazu hier natürlich so einfach und undramatisch ist - ja, wir machen uns Sorgen, weil die nächste Strecke in der Südpazifischen Konvergenz Zone stattfinden wird, wo Squalls bis 40 Knoten keine Seltenheit sind, wir machen uns auch Sorgen, dass wir in die nächsten Atolle nicht einfahren können, da die Pässe so eng und die Strömungen so stark sind. Ja, es wäre schön, wenn wir Croissants kaufen könnten, wann immer wir Lust haben, und frisches Brot und Früchte. 

Und lustigerweise müssen wir uns permanent rechtfertigen - hüben weil wir viel zu schnell segeln und doch so gar nichts von Land und Leuten mitkriegen, drüben, weil wir viel zu langsam unterwegs sind und eh nicht wirklich vorwärtskommen… 

Naja, kurzgefasst - ja, wir / ich sind derzeit müde. Haben keine Lust mehr. Es gibt Momente, da verflucht man die Entscheidung. Wie gerne würde ich manchmal morgens aufstehen, die Kinder zur Schule bringen, den ganzen Tag arbeiten und sich am Abend auf eine Stunde Freizeit freuen. Unabhängig leben von Regen, Wind und Wetter, von Sonnenauf- und untergang. 

Unser Leben bestimmen die Windvorhersage, die Hurricane-, resp. Typhoonseasons. 

Ja, ich weiß! Wir leben den Traum aller/ vieler/ mancher, doch ist nicht manchmal schlafen ohne zu träumen auch ganz schön und erholsam? 

Und schon erfasst mich das ganzheitlich schlechte Gewissen: Du darfst dich nicht beschweren, du lebst in der Südsee, die wenigsten Menschen können sich das im Leben leisten, erfüllen, vorstellen. 

Die Sonne geht täglich vor dir auf und unter, um dich herum hast du alles, was du zum Leben brauchst; deine Familie, deinen Wohnraum, deine Nahrungsmittel plus Zubereitungsutensilien. Ab und zu triffst du ein paar Freunde, naja, Menschen, die nett sind, mit denen du dich austauscht - wer, wann, wo, wie lange, wie, warum, woher- und welche du dann nie wieder siehst.

Wir haben festgestellt, dass es drei Arten von Cruisern gibt: Diejenigen, die es für ein Jahr machen, bewusst, geplant, voll strategisch. Diejenigen, die es sehr in die Länge ziehen, die jede Hurricane Season zurückfliegen, das Schiff stehen lassen und dann unendlich langsam von Gebiet zu Gebiet ziehen und alles mitnehmen, einsaugen, genießen. Intensiv erleben, wie man so sagt. Und schließlich die Longterm Stay-aboards, denen eigentlich völlig egal ist, wo sie billig leben und segeln können, die mehr rumankern und trinken als sich fortbewegen, egal wo, die im Leben auf dem Schiff den ultimativen Kick der Freiheit finden. 

Und wir? Wir sind irgendwo dazwischen, vermutlich. Wir finden beide Segeln jetzt nicht so geil, dass wir es für immer machen wollen. Wir beide sehen die Defizite im Dasein auf dem Wasser und  sehnen uns regelmäßig nach den Vorteilen an Land: Essen, erweiterte Familie, Stabilität und Sicherheit. Wir bemühen uns sehr dieses Leben zu genießen, alle Vorteile auszukosten. Ja, natürlich schätzen wir das Wissen, das uns durch diese Lebensform zuteil wird, die vielen Kulturen, Landschaften, Lebenseinstellungen und Wahrnehmungen. Und auch die intensive Zeit mit den Kindern und uns. Aber wirklich? Nichts ist nur toll, am wenigsten das Leben als solches.

Das alles schreibe ich, während vor mit die Sonne hinter Palmen versinkt, neben mir das Marlinsteak brät, hinter mit der schönste Korallengarten der Welt liegt, bei dem man sich zum Schnorcheln nicht mal bewegen muss, da die Strömung einen sanft hindurch begleitet. Die Kinder lesen gerade im Schiff ihre Bücher, da sie nach einem Tag im und auf dem Wasser schwimmend, kanufahrend, schnorchelnd, müde und erschöpft sind, Peter lädt die Karte für Australien runter. Und ich? 

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Kommentare: 2
  • #1

    Burgi (Sonntag, 06 Mai 2018 11:00)

    Danke für die nachdenklichen Zeilen - ja, es ist" hier herüben" auch nicht schlecht: schönstes Frühlingswetter, noch nicht zu heiß, nachts kühl, die 7 Fliederbüsche im Garten blühen besonders üppig heuer, die Maiglöckchen duften mit ihnen um die Wette, der Rhabarberkuchen schmeckt im Innenhof am besten, reines Süßwasser in Hülle und Fülle, perfekte Infrastruktur mit regelmäßiger Müllentsorgung, ordentlichen Strassen und optimaler medizinischer Versorgung - wir leben gut hier.
    Liebe Grüße, Oma Bielefeld

  • #2

    Barbara (Sonntag, 06 Mai 2018 21:34)

    ja, dafür danke ich Dir auch, dass Du so nach-denklich bist und nachdenkend - und dadurch sicher besonders bewusst erlebend!
    Ja, es ist sehr schön hier! Bin ungeheuer dankbar, dass ich durch das Gartentor gehen darf in unsere Oase, die noch nicht von effektivem Wohnungsbau mit bester Rendite kaputtsaniert ist, mit dem plätschernden Brunnen, den kleinen Tiergeschichten, den größeren Menschengeschichten , einem äußerst lebendigen und unkonventionellen Mann an der Seite, eine disziplinierte und große Persönlichkeit als Mutter, die viel tut, um nicht zu sehr einzuspannen und immer dankbar ist, eingebettet in das Netzwerk einer Kleinstadt und viel Musik und Musikern drumherum, lieben Freunden (heute Spontanessen für zehn in unserem Garten: meine Ersatzenkelfamilie war komplett mit Großeltern da - Laily hatte Erstkommunion -- Frida erinnert sich vielleicht noch an Shokou, die ungefähr gleich alt ist wie sie), einer erfüllenden Arbeit und großartigen Schwestern, Nichten....Aber das Denken an Ende, Abschied, Tod ist immer dabei - darum genieße ich vielleicht auch so besonders!