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Squall Dodging

Seit vier Tagen bewegen wir uns nun in der SPCZ. Zwar haben wir bisher nur kurze Strecken geschafft, 30 nm von Bora Bora nach Maupiti, wo uns in der Nacht ein so heftiger Squall erwischt hat (drei Stunden Sturm und Regen erst aus NW dann das Gleiche nochmal aus SW), dass wir alle vor der nächtlichen Überfahrt gezittert haben, dann 100 nm von Maupiti nach Mopelia. Maupiti und Mopelia sind die ungeliebten Stiefgeschwister der Gesellschaftsinseln. Zwar gehören sie geographisch noch irgendwie dazu, aber es kümmert sich keiner drum. Maupiti hat zwar noch so eine Art Post und Gemeindeamt, aber die Menschen dort scheinen sich immer zu betrinken, wenn sie nicht in der Kirche sind. (Das Bedürfnis nach Betäubung und Realitätsverlust scheint irgendwie schon sehr lange und sehr tief im Menschen verankert zu sein.)

Einige wenige Touristen verirren sich noch in die privaten Pensionen, doch in Mopelia ist dann endgültig Schluss. Hier gibt es weder Telefon noch Internet, keinen Strom, kein Wasser. Die Bevölkerung, ca. 20-30 Personen, leben hier, weil sie Copra erzeugen und an Frankreich verkaufen. Das Schiff, um diese abzuholen, kommt alle 6 Monate, respektive wenn sie 50 Tonnen geschafft haben. Dazwischen kommt hier niemand hin. Die Einwohner müssen bei Herzug Mehl, Öl, Reis und Zucker für ein Jahr mitbringen, hier gibt es dann nur noch Kokosnüsse und Fische. Die drei Autos auf der Inseln funktionieren schon lange nicht mehr, wobei Yves, ein Segler, es gerade geschafft hat, wieder eines davon zu reparieren. Doch auch dieses wird nur so lange fahren, wie die Segler Diesel und Benzin herbei schaffen. Die Segler sind auch die Hauptversorger der Insel, von Maupiti bringen wir Pakete, Eier, Früchte und Briefe mit. 

Die Fahrt selber war ähnlich einer Geisterbahn, mit Gewittern ringsherum, Squalls, die wir über den Radar verfolgten und ihnen auswichen, stockdunkle Nacht dazwischen und eine Einfahrt, die rechts und links von einem messerscharfen Korallenriff begrenzt war, auf das ich vom Schiff aus hätte aussteigen können. Wir mussten im Regen einfahren, was als völlig verrückt gilt, wie uns hinterher alle erklärten, doch Gott sei Dank hat Peter extrem starke Nerven und ich hab einfach nicht hingeschaut. Es hat geklappt, und darüber sind wir besonders froh, da hier an eine Reparatur nicht zu denken wäre. Wobei, Yves und Brigitte sind von einem Squall aufs Riff getrieben worden, da ihr Anker nicht hielt und sitzen derzeit am Strand, um ihr Ruder neu zu laminieren. Irgendwie geht ja dann auch wieder alles. 

Ich hatte heute morgen ein faszinierendes Wascherlebnis, da zwei junge Damen, hier am Strand eine Toplader Waschmaschine stehen haben mit separater Schleuder - die allerdings nicht geht - doch mit Regenwasser und einem Generator, für den ich Benzin mitgebracht habe, konnte ich direkt am Strand ein paar T-Shirts und Unterhosen waschen. Die Kinder haben daneben mit Babyschildkröten gespielt und Einsiedlerkrebs-Wettrennen gemacht, Palmendiebe bestaunt. Die halbe Insel kam zu Besuch, darunter eine Dame aus Milan, die hier meint ihr Paradies gefunden zu haben. 

Ich selbst bin ja erstaunt, wie nah Paradies und Hölle zusammenliegen können. 

Einerseits schwingen wir hier sanft in einer türkisfarbenen Lagune, um uns herum eine Insel mit Menschen die geldfrei leben, da es hier eh nichts  zu kaufen gibt. In völliger Freiheit, Stille und Anarchie. Jedem gehören 200 Meter Land inklusive der Kokospalmen, um Copra zu erzeugen, sie leben von Fisch und Kokosnuss. Andererseits erinnert mich hier alles an ein potentielles Horrorszenario, die Menschen saufen das gesamte Wochenende durch - sie brennen irgendeinen Kokosschnaps selbst - alle haben riesige Macheten herumliegen; was wenn einer Amok läuft? Wenn er - oder sie -  durchdreht? Wenn jemand krank wird, sich verletzt? Bei Typhoonen klettern sie auf Bäume und binden sich fest, da die Insel dann unter Wasser steht. 

Ich bin aber froh, dass wir hier angekommen sind. Wir haben die Kinder gleich lernbefreit für den Tag und sie die Insel erkunden lassen. Sie sollten sich vorstellen so zu leben - was sie natürlich wahnsinnig verlockend fanden - sie liebten die Babyhunde, -schildkröten und -katzen (übrigens essen sie alle Kokosnüsse, auch die Hunde und Katzen), die Freiheit (die Hauptstrasse ist ein Trampelpfad, was ohne Auto ja eh egal ist) und die Freundlichkeit der Bewohner. Tatsächlich ist es auch so, dass man sich das erste Mal nützlich fühlt bei dieser Reise. Normalerweise bringen wir Müll, zerstören Riffe und erzeugen Neid oder Missgunst - hier bringen wir Geschichten, Fremdsprachen und Lebensmittel. Auch Süßwasser, wenn Bedarf besteht, können wir selber erzeugen und verteilen. Dazu die Fachkenntnisse der Segler, die beinah alle Außenborder, Generatoren, Motoren und Wasserpumpen reparieren können und oft auch noch Ersatzteile mitbringen. Ebenso Medikamente und Basiswissen in Medizin.

Jetzt warten wir auf das OK unseres Neuseeländischen Meteorologen, wann es für uns weitergeht, gerne möchten wir diese Zone halbwegs sturmfrei durchsegeln doch auch die nächste Einfahrt in Aitutaki, Cookislands, wird wieder nervenaufreibend und kritisch. Ich könnte gut ohne diese Abenteuer leben, sind meine Nerven doch eher schwach und mein Magen diesbezüglich empfindlich. 

Doch so wie Himmel und Hölle untrennbar vereint sind, ist es auch das Weltreisen: Keine einsamen Inseln ohne abenteuerliche Anfahrt, keine wahren neuen Erfahrungen ohne unbekannte und nicht-vorausplanbare Erlebnisse. So wie meistens im Leben liegen Glück und Leid, Freude und Angst, Anspannung und Ruhe, Langeweile und Abenteuer,  sehr nah beieinander und das Eine ist ohne das Andere wohl nicht möglich.

Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass in unserer türkisfarbenen Lagune so viele Haie schwimmen, nicht nur schwarzsahen Riffhaie sondern auch große Grauhaie, dass wir uns nicht ins Wasser trauen! Wenn 20 drei Meter Haie dein Schiff umkreisen, fehlt uns leider allen der Mut - außer Niko, dem wir es aber verbieten… Wo sollten wir hier denn ein neues Bein hernehmen?

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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara (Dienstag, 29 Mai 2018 21:20)

    Irre! Sehr gut geschrieben, liebe Nichte! Danke! Ich habe ja jetzt einen großen Nachholbedarf an Deinen Berichten! Gleich auf zum nächsten!
    Ähh - zu unten: ist die DSGVO sogar schon im Südpazifik?? Die ist doch EU!! Verfolgt einen überall hin....

  • #2

    Barbara (Dienstag, 29 Mai 2018 21:21)

    Doch wieder doppelt gemoppelt! Eine Nachricht links um die Welt und die andere rechtsherum und diese mittendurch!!