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Tage und Kinder

Seit Dienstag sind wir nun schon unterwegs. Da habe ich zuletzt auf Datum und Tag geschaut. Erschrocken bin ich heute aufgewacht und habe festgestellt, dass heute Samstag ist. Unsere Tage sind derzeit sehr mit Segeln ausgefüllt. Wir stehen zum Sonnenaufgang auf, so kurz nach fünf, lichten den Anker und fahren 60 bis 70 Meilen. Das sind etwas über 100 km. Das klingt wahnsinnig wenig, ist für ein Schiff aber normal bis vie. Bei viel Wind schaffen wir 180 in 12 Stunden, doch viel Wind ist hier selten. Wir müssen deutlich vor Sonnenuntergang bei einem Ankerplatz sein, da unsere Grobrichtung noch immer Westen ist und wir gegen die tierstehende Sonne nichts sehen können. Schon gar keine Riffe. 

Da die Seekarten hier generell defizitär sind, müssen wir uns ganz auf das Auge (und den Tiefenmesser) verlassen. Ankerplätze sind in guterforschten Gebieten markiert. Dies hier ist keines davon. Wir können in maximal 30 Meter Tiefe ankern (mehr Kette haben wir nicht), müssen uns vor Wind und Welle schützen (der Wind dreht am Abend fast immer von Ost auf Süd und nimmt deutlich zu) und dürfen nicht zu nah an Riffen, Land oder anderen Schiffen liegen. Außerdem müssen wir den Tidenhub exakt berechnen. Das heißt, wir sind den ganzen Tag intensiv mit Segeln und der Suche nach geeigneten Ankerplätzen beschäftigt, plus dem vorsichtigen Navigieren um die vielen Fischerboote, vor allem aber Fischernetze. Es ist eine Mischung aus mühsam, zeitintensiv und streckenweise auch etwas langweilig. Zum Glück sind die Kiwi Summers immer bei uns, das heißt nach Fallen des Ankers und bergen der Segel treffen wir uns bei uns oder bei ihnen auf dem Schiff, oder am nächsten Strand, machen ein gemeinsames Abendessen, ein Feuer, ein kurzes Debriefing. Planen die Strecke für den nächsten Tag und erzählen uns die besten Anekdoten vom vergangenen. Die Kinder spielen, gestern luden die Kiwi Summers zu Movie-and-Pizza-Night ein, heute gibt es bei uns Chicken Satay. Wir arbeiten uns langsam voran, nächstes Ziel ist Borneo, doch da wir Nachtstrecken aufgrund der Hindernisse im Wasser weitergehend vermeiden müssen, ziehen sich die 300 nautischen Meilen. 

Währenddessen habe ich viel Zeit zu beobachten und da fallen mir viele lustige Kleinigkeiten auf, wie sich unsere Bootskinder von Landkindern unterscheiden. Zum Beispiel musste Pius heute eine Textaufgabe aus seinem Mathebuch lösen: Frau Müller kauft eine Waschmaschine um 1000€, er staunt: Boah, das ist aber teuer. Ich sage: Naja, für eine gute Waschmaschine ist das durchaus ein üblicher Preis. Erst dann begreife ich, dass er glaubt, dass sie das pro Wäsche zahlen muss. Die Preise hier in Indonesien sind Wäsche pro Maschine… haha. 

Es erinnert mich daran, wie Frida letztes Jahr in Österreich völlig erstaunt fragte, warum ich das Geschirr in diese komische Maschine stelle - sie hat noch nie bewusst einen Geschirrspüler gesehen. Sie kennen keinen Fernseher und keine Werbung. Filme, die sie schauen, kennen sie mittlerweile auswendig und finden Filme schauen generell langweilig. Internet gibt es nur selten und oft langsam, schon Frida rechnet in MB und GB, weil wir immer auf das Guthaben der Sim Karte schauen müssen. Bevor sie ins Wasser springen, werden sie immer eine Kleinigkeit hinein, um die Strömung zu kontrollieren. Zur Mittagszeit müssen sie meist im Boot bleiben und für mehrer Stunden drinnen spielen, da die Sonne zu stark ist. Bei Sonnenuntergang gehen wir alle schlafen. Jeden Morgen setzen wir gemeinsam die Segel. Jede/r hat seinen Platz und seine Aufgabe. Obst und Gemüse sind selten und deswegen heißbegehrter Luxus. Das Highlight des Monats ist ein Anruf bei alten Freunden oder der Erhalt einer Mail. 

Die Jungs navigieren mittlerweile problemlos im Koordinatensystem, können Wetterdaten interpretieren und Kontinente am Umriss erkennen. Unsere Route können sie blind aufzählen und dazu die Sprachen und Tiere der Länder. Jedes Kind kann in zwei Sprachen Funken mit dem entsprechenden Vokabular. (Es ist und bleibt lustig wenn kleine Kinder, z.B. Frida (6) und Harry (8) sich über VHF unterhalten und Sätze sagen wie: „Kiwi Summers, do you copy on 16?“ oder „Philocat standing by on 72“). Die Kinder fragen, bevor sie auf Klo gehen (in Ufernähe muss der Tank geschlossen sein), werfen kein Klopapier hinein (Verstopfungsgefahr) und waschen jedes Mal ihre Füße, bevor sie das Schiff betreten (Kakerlakeneier). 

Ich bin gespannt, wie sie sich an Land benehmen, wenn wir mal wieder dahin zurückkehren.

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Sonntag, 07 Oktober 2018 18:49)

    Resumee dieses Berichts: alle Kinder rauf auf die Boote und los geht's! Das ohne Fernseher, Filme, "normale" E-Geräte-Leben scheint mir sehr positiv und gut zu sein! Und sparsam! Und das Besondere (Frischobst, -gemüse) was hier bei uns tonnenweise verrottet, wird geachtet und geschätzt!
    Einfach gut! Schafft der Haberlersche Segeltörn (sagt man so?) bessere Menschen? Also nochmal: alle Kinder rauf auf die Boote...
    Oder geht es auch an Land, Sinnvolles zu lernen und auf Unsinniges zu verzichten? Ja, doch, aber schon schwerer, die Erfahrungen aus erster Hand (wenn ich dies und jenes tu, dann stopft das Clo, treibe ich ab, kentert das Schiff oder was auch immer....) sind einfach oft nicht so deutlich erlebbar.
    Es grüßt die Barbara, die hofft, dass Ihr auch fest Musik macht! (weil das ist immer noch das Allerbeste, da kann kein Schiff/Boot/Katamaran oder was auch immer mit!!!)