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Bawean

Zwischen Jawa und Borneo liegt Bawean, eine pitoresque kleine Insel inmitten der Jawa See. Nach unseren sieben Segeltagen bei viel Wind und noch mehr Welle, legen wir uns in der geschützten Nordbucht vor Anker und beschließen, uns erstmal auszuruhen. Das Wasser ist wunderbar klar, bei einem Markt erhalten wir viel frisches Obst und Gemüse - mehr brauchen wir nicht, um glücklich zu sein. Eine junge BWL Studentin aus Jakarta begleitet uns und erklärt den Marktfrauen geduldig mal um mal, warum wir keine Plastiktüten möchten. Alles Yachties, die ich in meinem Leben getroffen habe, bringen zum Einkauf Stofftaschen mit.

n Französisch Polynesien, in Neukaledonien sowie Queensland, Australien gibt es auch schon keine Plastiktüten mehr im Supermarkt. Indonesien sieht das anders und weiß den Vorteil dieses Materials aufgrund seiner Wasserdichtheit sehr zu schätzen. Sie sind hier kostbar und begehrt, deshalb verstehen die Verkäuferinnen unser Ansinnen nicht. Wir erklären ein ums andere Mal, dass wir versuchen Plastik nach Möglichkeit zu vermeiden, da es nach Gebrauch nur noch zum Verschmutzen der Meere diene. Es scheint zum Nachdenken anzuregen, zumindest diskutieren sie nach unserem Gespräch noch lebhaft weiter.

Mit der Studentin führe ich im Auto ein Gespräch über Kinder und Ehe. Sie musste nach Bawean ziehen, da ihr Vater verstorben und ihre Mutter Unterstützung wollte - obwohl sie noch acht weitere Geschwister hätte. Beruflich gäbe es hier nichts für sie, sie langweile sich sehr, doch bald werde sie eh heiraten und Kinder kriegen, das sei spätestens mit 24 hier für alle so. Ich erzählte, dass ich mit 21 ohne verheiratet zu sein ein Kind bekommen habe, dennoch mein Studium abschloss und erwerbstätig war. Ich erklärte weiter, dass wohl jeder nach 1950 geborene halbwegs gebildete Mensch in Europa Kinder und Ehe nicht mehr als notwendigen Zusammenhang erachte. 

Am Abend des zweiten Tages machen wir ein großes Feuer am Strand, wozu nach und nach immer mehr einheimische Frauen und Kinder stoßen. Wir teilen unser Essen und auch sie bringen ihre lokalen Speisen und Decken dazu. Mit meinen geringen Sprachkenntnissen unterhalten wir uns stockend auf Indonesisch und tauschen allerlei Informationen aus. Schließlich kommt auch noch die Dorflehrerin dazu, die etwas Englisch kann. Sie erzählt uns, dass Bawean die Insel der Frauen sei. Da es keine Arbeit für die Männer gäbe, seien viele davon auf See oder arbeiteten im nahegelegenen Jawa. Vielleicht erklärt das, warum die Insel außergewöhnlich sauber, müllfrei und gut gepflegt ist. Dies war uns schon am Vortag aufgefallen. Frauen sitzen vor ihren Häusern, spachteln, malen, pflanzen, färben Küken.

Sie laden uns für den nächsten Morgen in ihr Zuhause ein. Da Peter mit Reparieren beschäftigt ist, fahre ich mit den Kinder alleine hinüber. Wie werden in ein modernes blitzsauberes Haus geführt, in dem es wenig bis keine Möbel gibt. Die kunstvoll geschnitzte golddurchwirkte Couchgarnitur, dient auch nur der Zierde, da man in Indonesien prinzipiell auf dem Boden sitzt. Dazu werden extra Teppiche ausgerollt, die man nicht mit den Füßen sondern kniend betritt. Auch die 90 jährige Oma hat keinerlei Probleme sich niederzusetzen und aufzustehen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich die Oma ist. Es kommen immer weitere Frauen und Kinder allen Alters hinzu. Da die Lehrerin arbeitet, unterhalte ich mich mühsam und versuche mit dem Wörterbuch fehlendes Vokabular einzubringen. Es stellt sich heraus, dass keine der Anwesenden lesen oder schreiben kann. Sie bitten mich, am Nachmittag mit ihnen zu meinem Schiff zu fahren - sie seien sooo neugierig. Also hole ich am Abend sechs Frauen ab, alle rechts mit Baby und links mit Smartphone bewaffnet, und bringe sie zu Philocat. Sie gackern aufgeregt wie junge Hühner, finden alles wahnsinnig lustig, bestaunen das Schiff, prüfend kichernd mit einem Fuß die Haltbarkeit des Netzes, wundern sich über die Weltkarte. Bevor die Sonne untergeht, bringe ich sie wieder zurück. Sie sind schweigsam, nachdenklich. Endlich wendet sich die Lehrerin an mich: „Weißt du, Mrs. Franziska, ich wünsche mir, dass Neyla (ihre einjährige Tochter) eines Tages auch so eine Reise machen kann und diese Freiheit erleben darf!“

Am nächsten Morgen müssen wir leider früh aufbrechen, da der Wind stark nachlässt und wir sehr darauf bedacht sind, unsere diesjährige Ökobilanz beizubehalten. Wir haben zu fünft, respektive sechst in einem Jahr ca. 100 l Diesel pro Kopf verbraucht, sind damit 20 000 Kilometer weit gereist, nicht geflogen, haben zweimal im Hotel übernachtet, nur unseren selbsterzeugten Strom verbraucht und unser selbsterzeugtes Wasser. Wir haben Müll weitestgehend vermieden oder aber adäquat entsorgt und uns möglichst von lokalen Produkten ernährt.

 Diesen Trend setzen wir fort, da wir während der wunderbaren Fahrt durch die Jawasee, die lustigerweise nur knapp 60 Meter tief ist, zwei Mahi Mahis fangen sowie einen Barrakuda und einen Black Marlin, die wir aber abhaken und wieder freilassen. Die Kinder sind enthusiastisch, wir weniger, da die Fahrt durch die stockdunkle Nacht von Wetterleuchten oben und blinkenden Fischernetzen unten geleitet wird. Doch die Kiwi Summers sind dicht hinter uns und heute Abend, wenn wir hoffentlich im Dschungel von Kumai ankern, gibt es frischen Mahi Mahi für alle auf Philocat. Und dann geht es in den Dschungel zu den Orang Utans (was auf indonesisch übrigens Waldmenschen bedeutet).

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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara (Samstag, 13 Oktober 2018 17:15)

    Warum bitte färben sie Küken?????
    Eure Ökobilanz ist bewundernswert und Euer Kampf gegen die Plastiktüten ebenso. Es ist schon sehr spannend, so unterschiedliche Lebensweisen zu sehen und zu erleben!
    Bei Pankraz in Söllhuben sind ja jetzt die Afghanen eingezogen, da bin ich auch gespannt, was wir erfahren können und lernen von anderen Kulturen - oder auch blöd finden.
    Heute Ausflug zum Wackelstein: ein millionenjahrealter Granitblock von ca. 50 Tonnen, der auf einem anderen liegt und den man tatsächlich wackeln kann! Er fällt aber nicht runter. Und dann noch ein "Steinernes Kirchlein" - eine hochaufgetürmte Granitformation, die einen kleinen Raum unter einem Spitzdach ergibt mit ganz engem Eingang - der Jahrmillionenalte steinerne Gegenentwurf der Standfestigkeit und des Ewig- an-einem-Ort-Verweilens zu Eurer Reise!!
    Vielleicht gehen wir da mal hin, wenn ihr wieder da seid!
    Morgen ist in Bayern Wahl - ich mache Wahlhelferin. Bin gespannt! Herzliche granitene Grüße!!

  • #2

    Burgi Strobl (Sonntag, 14 Oktober 2018 11:04)

    Danke für die wundervollen Berichte. so spannend, so informativ, so reflektiert. (wir haben jetzt lange nicht mehr gelesen), und wie erfrischend die Kommentare von Tante Barbara.
    Hier ist goldener Oktober pur, heute gibt es ein sonntäglichesHerbstessen, Reh mit Spätzle und als Nachspeise Zwetschgenstrudel.
    Ganz liebe Grüße, Oma aus Bielefeld