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Cruisingstatistix

Die Zeit in Kumai war schnell vorüber, niemand hält sich gerne lange im Dschungel auf, in einem Fluss, der braun und trüb ist, in einer Luft, die so feucht ist, dass man den Eindruck hat, Wasser zu atmen, in Nächten, die nur so vor sich hin schwirren und jede Tigermücke leise Malaria in dein Ohr flüstert. Die nächste Fahrt ist weit und langweilig. Das Wasser flach und ebenfalls trüb.

Fische fangen wir keine, Fischerboote sehen wir auch nicht. Wir fahren bis die Sonne untergeht und lassen dann, mitten im Meer, den Anker fallen. Zwar ist es wellig und unruhig, aber immerhin können wir gleichzeitig ein paar Stunden schlafen. Der nächste Tag ist ebenso lang und langweilig und als wir an einer strategisch günstigen Insel ankommen, lassen wir erneut den Anker fallen und beschließen, uns einen Tag auszuruhen.

Was diese Fahrt anders macht, als die vielen anderen einsamen Fahrten, die wir schon erlebt haben, ist dass wir permanent mit den Kiwi Summers zusammen sind. Tagsüber in Funkkontakt, nachts nebeneinander vor Anker. Die Kiwi Summers sind ein gutes Beispiel dafür, dass auf den 50 Shades of Blue nicht nur gebügelte weiße Poloshirts kreuzen. Brent, Fischer und Bauarbeiter und seine Frau Andera, ebenfalls Fischerin und manchmal auf Fingernageldesignerin, arbeiten immer monatsweise in irgendwelchen Ländern und reisen mit dem gesparten Geld weiter. Sie haben einen Rumpf, wir haben zwei; sie haben ein iPhone, wir haben drei; sie haben zwei Kinder, wir haben vier. Sonst gibt es nicht viele Unterschiede auf See. Wir ankern in den gleichen Plätzen, Essen das gleiche Essen, teilen die gleichen Erfahrungen. 

So eine Rallye ist generell ein guter Ort, um mal statistisch zu erfassen, wer eigentlich so auf dem Wasser unterwegs ist. (Ich bin ja, zugegebenermaßen, ein begeisterter Schubladendenker, das macht mein Leben einfach überschaubarer.) 

Zuallererst, und das ist sicherlich der Großteil der Segler, gibt es die pensionierten Pärchen. Wobei Pension relativ ist. Viele sind erst so um die 50, während andere 70 und älter sind. Sie sind meist in zweiter oder dritter Ehe, die Kinder groß, die Berufe reichen von Polizist über Unternehmer, Handwerker, Anwälte, Ärzte. Komischerweise, und das erstaunt mich schon seit einigen Jahren, sind die meisten Seglerpaare heterosexuell, oder leben zumindest in zweigeschlechtlichen Beziehungen. Also von 44 Schiffen sind 30 ältere Pärchen. Zwei sind junge kinderlose Paare, die alles verkauft haben und gemeinsam ein Abenteuer erleben wollen. Meist adoptieren diese weniger erfahrene Segler oder Einhandsegler, wovon es wiederum zwei gibt. Einhandsegler sind fast immer Männer, die ihren „Lebenstraum“ erfüllen müssen. Oft werden sie währenddessen von ihren Frauen verlassen. Oder sie hatten nie welche. Oder sie treffen neue. Manche Einhandsegler holen sich auch zahlende Crew an Board. Ein oder zwei MitseglerInnen, von denen meistens nach wenigen Wochen mindestens einer wutschnaubend das Boot verlässt. Crew-Konstellationen habe ich schon viele gesehen. Keine davon hat lange gehalten. Und dann gibt es drei Familienschiffe. Meist sind die Kinder sechs bis zwölf Jahre alt und kommen aus England, Frankreich oder Skandinavien oder Australien. Aus Deutschland gibt es fast keine, wenn dann nur mit sehr kleinen Kindern, da der deutsche Staat wohl offensichtlich einen starken Druck mit der Schulpflicht auf die Eltern ausübt. Australien, Frankreich, Holland und Großbritannien bieten exzellente Fernschulmöglichkeiten an. Einige Staaten zahlen sogar dafür, wenn die Kinder keine Institution besuchen. 

Soweit mein Überblick. Ausnahmen bestätigen die Regeln. Wir schließen jetzt hier unsere heutige Lerneinheit ab, fahren zum Strand, gehen schwimmen und genießen unseren segelfreien Tag - mit den Kiwis aus Neuseeland.

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Sonntag, 21 Oktober 2018 22:58)

    Danke für die Lektion in Segelschubladen! Man lernt halt nie aus.
    Auch ich begebe mich bald auf große Reise: Uganda ruft und mit ihm 198 Musiklernenwollende Kinder!
    Hinweis einer Freundin: Du weißt aber schon, dass dort lauter Schwarze sind....... (zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt, sie ist nicht mehr so jung und manchmal schon etwas daneben). Ja, ich weiß es und meine Schubladen sollten nicht schwarz/weiß sein! Ein Freund, der schon öfter in Sachen Musik dort war, sagte mir: Du kommst sehr demütig wieder zurück.
    Auf die Demut, den Tanz und alle Schubladen!
    Und:
    Auf Wiedersehen!