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Nach(t)gedanken

Wenn man Freiheit gegen Sicherheit und Chaos gegen Ordnung tauscht, hat man zwar ein gutes Leben; aber lustig geht anders. Singapur, ein bisschen wie Zürich (und meine Schweizer Freunde mögen mir diesen Blog verzeihen), ist perfekt. Strukturiert, reich (zumindest an Kosumtempel, Wohlstandssymbolen und BSP), sicher und sauber. Die MRT fährt geräuschlos und pünktlich ein, Essen in selbiger wird mit 500 SGD geahndet, damit keine häßlichen Brösel oder Gerüche den Gesamteindruck zerstören und es gibt bebilderte Tipps, wie man gefahrlos wieder aussteigen kann und nicht in den 4 cm großen Spalt zwischen Tür und Bahnsteigkante fällt. 

Etliche Ethnien und noch mehr Religionen leben hier friedlich Seite an Seite, strikt werden die Wohnungen an Bevölkerungsgruppen nach einen strengen Quotenschema vergeben, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Die Frauen haben mit 84,2 Jahren eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit - vielleicht sollte ich herziehen, denn hier hätte ich noch nicht einmal meine Lebensmitte erreicht - wenn man der Statistik Glauben schenken darf. Warum ich das dennoch nicht möchte? Selbst wenn man ein blindes Auge den Frauen und Männern zuwendet, die täglich mehrere Stunden über die Malaiische Grenze pilgern, um ihre billige Arbeitskraft in Singapur etwas höher entlohnen zu lassen?

Weil Städte wie diese leider jegliche Form der Kreativität im Keim ersticken. Hier ist kein Raum für Kunst. Nicht, dass ich mich selbst als Künstler betrachten würde - aber ich brauche die Kunst zum Leben. Ich mag Chaos. Ich mag spontane Straßenparties, die nicht aus Lärmgründen um 22:00 vom Ordnungsamt beendet werden, ich mag unangemeldete Feuer am Strand. Ich mag Menschen, die mehr Zeit als Geld haben und diese nutzen Geschichten zu schreiben und Musik zu machen, Bilder zu malen, Gedichte zu entwerfen oder Galionsfiguren zu schnitzen. Ich mag Raum der nicht gentrifiziert ist und ich mag Parks, in denen noch Bienen summen, da sie nicht einmal wöchentlich mit Insektiziden besprüht werden. Ich mag mir selber aussuchen, ob ich auf einer Bank liege oder sitze und nicht von Armlehnen eingeteilt werden.

Ich brauche keine 24 Stunden Kameras an allen öffentlichen Orten und Menschen, die das als Zukunft betrachten, machen mir Angst.

Ja, es nervt, dass man in Panamacity und Montego Bay ständig sein Portmonnaie festhalten muss und in Angst lebt, umgebracht oder aber überfallen zu werden. Auch ist der Müll grausig, der überall herumliegt und dass es keine oder kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, kann man sicherlich auch kritisieren. Doch Singapur ist zu sehr wahrgewordenes 1984.

Klar, bei meiner derzeit akuten Ohrenentzündung habe ich es genossen, einen kurzen Weg zum Arzt zu haben, ein klimatisiertes Zimmer mit Bett waren der absolute Himmel und vor allem die wunderbaren Medikamente - was machte der Mensch ohne Schmerzmittel und Antibiotika? Ein absoluter Traum! Und dazu das Breitbandinternet! Ach, Fortschritt ist schon schön - doch macht er glücklich?

Ich freue mich wieder auf das Schiff. Auf das schweißnasse Dasein im Lebenszwischenraum. Auf die stille Langeweile des Meeres, die Ungezügeltheit. Die Nichtplanbarkeit, das unkontrollierte Verhalten. Den Sand unter den Füßen. Täglich keinen Menschen zu begegnen, die so deutlich unglücklich aussehen, wie die Bewohner Singapurs. Getrieben von Zeit, Geld, Ansehen und Konsum. 

Ich weiß, es ist schrecklich klischeehaft vom Lächeln der Inselbewohner zu sprechen, vom sprichwörtlichen Glück des Fischers, der untertags im Palmenschatten ruht. ich bin mir sicher, dass jeder dieser Menschen gerne mit einem Spingapuristischen Banker tauschen möchte. Und dass mein Sehnen nach diesem Leben in der absoluten Privilegiertheit meiner Situation besteht. Man sollte nur ab und zu darüber nachdenken, wenn man schimpfend auf die Deutsche Bahn wartet oder sich über den Lärm der Nachbarn beschweren möchte.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara (Freitag, 09 November 2018 19:32)

    Sehr guter Blog, Franziska! Und für Dich gilt wohl: auf nach Uganda! Da gibt es viiiieeeeel Zeit und noch mehr Musik (ja, die nervt auch gewaltig, wenn sie bis 3 Uhr früh laut in Dein Hotelbett schallt und nicht besonders schön ist...), und wunderbare sehr kreative Menschen, die finden, Kinder müssen Musik lernen (und die Kinder finden das unbedingt!) und es gibt viel Dreck, Müll und keine Supermärkte und dafür viel strahlende Menschen, fröhliche Kinder und viel echte Schönheit. Klar, das ist jetzt auch meine europäische Sicht und ich bin doppelt dankbar, hier zu leben, nicht so naturlos wie Singapur anscheinend ist, grade richtig dreckig, aber mit Müllabfuhr, und einem PC, der geht, wenn auch nicht rasend schnell.
    Aber Afrika, im genauerne Uganda, hat mich tief beeindruckt und ich kann mir gut vorstellen, dass ich wieder hinfahre. Die Kontakte sind geknüpft, whatsapps sausen hin und her und ich stelle fest, dass ich vor einer Woche mitten im Dschungel übernachtet habe, bei gefühlten 200% Luftfeuchtigkeit und 35 ° C des Nachts. Und Strom von 19-21:30 in der Lodge und stockdunkler Nacht (Hand nicht vor Augen sehen und so...). Aber das kennt Ihr ja zur Genüge! Für mich war es neu und spannend!
    Und ja, ich bin selig wieder hier zu sein, wo es wirklich kühl wird am Abend und das Wasser trinkbar aus der Leitung kommt, die Mücken wieder stechen dürfen (in Uganda gab es viel nobite - das verbindet mich vielleicht doch mit Singapur) und meine Augenentzündung zu einer Ärztereise führt und ernstgenommen wird.
    Ich hoffe, Dein Ohr wird gut! Welch Glück, das erst in Singpur zu haben, oder??
    Seid gegrüßt!

  • #2

    Burgi Strobl (Sonntag, 11 November 2018 09:37)

    Oh, seid ihr mit dem Riesenrad gefahren? Das würde ich gerne! Viele liebe Grüße, Burgioma