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Was ist eigentlich normal?

oder: Erst wenn Ihr den letzten Antrag auf ein chinesisches Visum ausgefüllt habt, werdet Ihr merken, welche Vorteile die EU hat...

 

Wie manche bereits wissen, war ich gerade eine Woche in Deutschland - so schön die Geburtstagsfeier meines Vaters war, so schockierend war die Erfahrung, zurück in Deutschland zu sein.

 

Wie schrieb der Economist am 2.August 2018:

 

"The biggest risk to Germany is excessive pessimism

 

A VISITOR to Germany this summer will find a country living well. Gentle chit-chat and the clink of glasses murmur from sun-dappled beer gardens. Barges laden with exports chug up the Rhine. Prosperous vacationers travel to lakes and seaside resorts in new cars and slick, reliable trains. Yet striking up a conversation with one of these seemingly contented locals, the traveller may well be told that the country is going to the dogs. The discussion might begin with disconsolate reflections on the national team’s dismal performance in the football World Cup, then find its way on to the storm clouds over German industry, political instability and perhaps the difficulties of integrating the many migrants who have arrived in recent years. Are they really talking about the same country? " (Jeremy Cliffe, Economist)

 

Am Frühstückstisch fragt mich dann meine Mama: "Und, wie geht es Dir in der Normalität?" 

 

"Board a train with a group of Germans and one will soon start grumbling about some minutia: the temperature, the disorderly storage of luggage, a brief delay. The same habits undergird Germany’s industrial success. Its factories are staffed by conscientious workers who treat each blemish as an abomination, honing and re-honing production processes until everything is in Ordnung(order)." (edb.)

 

"Welche Normaliät?", frage ich. Meine Normalität war die letzten Jahre ein schwankender Boden, durchwachte Nächte und ungenaue Seekarten. Jetzt ist meine Normalität zwar nach wie vor über 30 Grad, aber ein Apartment auf einer Touristeninsel und 30 Schüler in einer Schule aus 20 Ländern - davon fast alle binational. Um mich herum blühen bunte Blumen, fliegen bunte Vögel und meandern Menschen in bunten Kleidern. 

Deutschland, speziell Bielefeld, hat als Grundfabrbe grau. Grauer Himmel mit grauen Häusern, die Menschen tragen grau, schwarz und weiß, man möchte nicht auffallen und wer es dennoch tut, wirkt exzessiv, angeberisch oder einfach fremd.

 

Fremd bin ich hier auch, fremd war ich überall in den letzten 38 Jahren. Besonders auffällig war das dann wieder gestern, in der chinesischen Botschaft. Man muss sitzen und darf nicht herumstehen. Kinder müssen still sein. Der Antrag für eine Visum für eine zweiwöchige Reise für fünf Personen umfasst 87 Seiten. Zwei Tage haben wir durchgehend daran gearbeitet, die Zeit für Passfotos und notariell beglaubigte Übersetzungen nicht eingerechnet. Dass wir in einem Land leben, in einem zweiten geboren sind und unsere Pässe aus einem dritten Land sind, war dabei nicht hilfreich. Und als wir nach der dritten Nummer, die wir ziehen mussten, um 1,5 Stunden zu warten, weil schon wieder ein Kreuzchen fehlte oder ein Zahlendreher war, (natürlich waren die Formulare auch alle auch Chinesisch und die Angestellten sprachen auch kein Englisch, was es nicht leichter machte) begannen wir über Schikane zu schimpfen. Doch schnell schwiegen wir wieder. Weil wir an unsere Länder dachten. Wie geht es denn den Menschen, die nicht über all die nötigen Formulare und Zertifikate verfügen? Was wären wir ohne unsere europäischen Pässe? Ohne die mit Siegel versehehen Geburtsurkunden, Ehebescheinigungen, furntionierenden Kreditkarten? (Natürlich muss man auch ein entsprechendes Kapital vor der Einreise nach China nachweisen). Wie geht es eigentlich den Menschen, die bei uns leben möchten - oder gar müssen? Wie werden die bei den Behörden behandelt? Wie reagieren unsere Beamten darauf, wenn sie kein Deutsch sprechen und möglichweise nicht mal unsere Schirft lesen  können - diese ungebildetetn Analphabeten (sie wie ich in Thailand und China?).

Ja, man darf noch mal kurz darüber nachdenken! Das Thema Ausländer in Deutschland - und Österreich! - wird ja oft ausschließlich aus der Binnenperspektive betrachtet. Und durch feurige Schilderungen von Einzelfällen angeheizt. Die ewige Angst als Leitmotiv. 

Ja, die Angst! Über die haben wir auch gesprochen. Pankraz sagt: "Nach China würde ich Euch gerne begleiten, auf's Schiff nicht, da hätte ich Angst!", aber Angst hatte ich auch. Oft, viel, fast ständig. Doch Angst ist eine subjektive Empfindung und sollte keine Handlungsempfehlung sein. Wenn das Leben von Ägnsten dominiert wird, dann wird es oft sehr eng und unflexibel. Dann denke ich an meine Freundin, die so Angst vor Einbrechern hat, dass die trotz zwei großer Hunde und Alarmanlage nachts nicht schlafen kann, an Frauen, die aus Armutsangst auf weitere Kinder verzichten. An Kinder, die nicht mehr alleine spielen dürfen, weil die Eltern so Angst um sie haben. Die Angst vor Verlust, die am Genießen hindert, die Angst vor Überfremdung, die selbiges verursacht. 

 

Cliffe schreibt: "Lately, however, this propensity to fear the worst has become more pronounced. Perhaps it began when the upbeat Wilkommenskultur (“welcome culture”) accompanying Angela Merkel’s decision to keep the borders open to refugees in 2015 curdled into a scepticism about how culturally compatible the newcomers really were—with several high-profile cases of migrant crime fuelling anxieties." (...)

 

"And the immigrants? By April this year 26% of refugees admitted to Germany since 2015 were in employment, more than expected. Crime fell to a 30-year low last year, with the largest long-term falls among immigrants. If rightists are becoming more vocal in their opposition to Germans of immigrant background, like Mr Özil, it is because their monocultural vision of Germany is losing the battle: the proportion of non-ethnic German residents is rising fast, with ever more reaching prominent roles in public life. The share of MPs with a migrant background rose from 3% to 9% over the two elections to 2017. Germany’s most popular politician, Cem Özdemir of the Greens, is of Turkish origin, too. (...) For its own sake and that of others, it is time for Germany to lift its gaze from its navel, grasp the bigger picture—and cheer up."

 

Pankraz sagt auch, Reisen sei gut, man käme ins Reflektieren.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Barbara (Montag, 01 April 2019 10:19)

    Was für ein Text - und wie erschreckend wahr. The german angst.... Ja, stell Dir vor, ich habe auch oft Angst - vor ebendieser deutschen Angst. WEnn ich sehe, wie undankbar so viele Menschen hier sind, welch Anspruchsdenken herrscht, welche Dreistigkeit in eigenen Belangen, welche Geldgier (oh ja, die ist ein Grund für ganz, ganz, ganz Vieles, auch wenn das immer sehr hübsch verbrämt wird mit Fleiß, Stress etc. pp. - wobei ich jetzt nicht sagen will, dass jeder der fleißig ist und viel tut, es nur um des Geldes willen macht, denn es gibt durchaus Möglichkeiten in bestimmten Berufen auf faul Geld zu kriegen und ich stelle fest, ich schreibe mal wieder auf dem hohen Niveau derjenigen, die genug verdient und sich nicht Sorgen muss, was ihre Kinder morgen essen sollen...), welches Mißtrauen und wieviel Dummheit (und dabei denke ich nicht nur an unseren Verkehrsminister...), wieviel Hektig (wozu eigentlich?).....
    Und ich sitze hier am Vormittag und schreibe meiner lieben und so klugen Nichte und höre die Glocken schlagen, die Vögel zwitschern in meinem so sehr geliebten Mariahilfbergzweiparadies, das ich in angstvollen Tagträumen einer durchgestylten und rentablen WOhnanlage weichen sehe) und kann mir erlauben erst später zur ARbeit zu gehen, weil ich eh wieder bis Abends dort sein werde. Meine Arbeit,d ie mit soviel Freude verbunden ist - erst letzte Woche hat mir eine alte Dame die Hand geküsst, weil wir mit Musikschülern ein Konzertchen gespielt haben - mir war das richtig unangenehm , denn das braucht es nicht: ich habe sie dann in den Arm genommen. DAs konzertchen war aber wirklich sehr gut: vom Akkordeonstück "die Grillparty" über ein KOntrabasskonzert und Polly Wolly Doodle bis zur Tischharfengruppe mit fünf hochkonzentrierten älteren Damen (jenseits der 70 - jaa, Friedl!) und kleine Volksliedern - einfach sehr inklusiv und schön!
    Und dann habe ich gestern angefangen den Bericht eines Paters von Wilhering (Kloster bei Linz mit einer unglaublichen Rokokokirche: Riesen buntes Theater mit "Baaahhhh"-Effekt beim Eintritt) zu lesen, den das Kloster verschenkt, weil sie finden man darf nicht vergessen - und sie haben so recht, also den Bericht eines Paters, der sieben Jahre in verschiedenen KZs verbringen musste und nach seiner Befreiung sofort alles niederschrieb - mit eidesstattlicher ERklärung , weil er Angst (!) hatte, dass das ja sowieso irgendwann keiner mehr glaubt und für möglich hält. Da habe ich also angefangen und - kann/mag mir das alles gar nicht vorstellen. Es ist so schrecklich, weil ich weiß, dass überall auf der Welt Menschen zu den furchtbarsten Dingen fähig sind, immer und immer wieder. Und dann waren wir in einer Uraufführung in Linz, Marie Antoinette als Tanztheater mit Musik von Walter Haupt (Pankraz GEgenschwieger) und Choreographie einer Chinesin Mei Hong Lin: es war hochbeeindruckend, v.a. die Choreographie und die TänzerInnen. Unglaublich. Und das Sujet: wir sind heute die Marie Antoinette und viele Teile der Welt (v.a Afrika) werden aufstehen , stehen auf und rufen, schreien nach "Liberte, egalite, fraternite" - nur die Guillotinen sehen heute anders aus. German Angst? Ja, auch ich - in dem Bewusstsein, dass so vieles schief lief und schief läuft. Hoffnung? ja klar, die Musik, die Kinder, viele wunderbare Menschen. Achja, vielleicht lohnt es sich doch...Grüße und Küsse vom Paradies am Mariahilfberg und Barbara Und Pankra

  • #2

    Barbara (Montag, 01 April 2019 10:22)

    die das "z" für Pankraz noch nachträgt und die vielen schreibfehler ihrer NIchte nachgemacht hat, aber wenn man mehr redet als schreibt beim Schreiben ist es einfach etwas atemlos und durcheinander. Du verstehst mich vielleicht auch so.